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Predigt von Superintendent Carsten Bolz zur Jahreslosung 2023: "Du bist ein Gott, der mich sieht"

Predigt von Superintendent Carsten Bolz zur Jahreslosung 2023: "Du bist ein Gott, der mich sieht"
Veröffentlicht am So., 1. Jan. 2023 17:45 Uhr
KK-News

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"Hagar also, biblische Urahnin, die schon dem Kirchentag 2017 zu seiner Losung verholfen hatte – Hagar verhilft diesem neuen Jahr zur Jahreslosung. Und diese Losung ist, wenn man genau nachliest, ein einziger Name Gottes. Hagar gibt Gott einen Namen – dieser Name Gottes steht über dem Jahr 2023. „Du bist (ein) Gott, der mich sieht!“ – hebräisch: El-Roï – Gott sieht mich!  

Wir finden uns ganz am Anfang der Bibel. Da wird von Menschen erzählt, die sich lieben und streiten, von tödlicher Eifersucht, von komplizierten Familienverhältnissen, von Lug und Trug, von Scheitern und Neuanfängen. Mit diesen Menschen schreibt Gott Geschichten. Mit diesen Menschen schreibt Gott Geschichte. Mit Menschen, die glauben und zweifeln. Mit  Menschen auf ungewissen Wegen. Mit Menschen, die sich an Gottes Verheißungen klammern, auch wenn sie lange auf deren Erfüllung warten müssen.  

Abram und Sarai hatten wirklich lange warten müssen. Auf Gottes Zusage hin hatten sie sich auf den Weg aus ihrer angestammten Heimat in unbekanntes Land gemacht – voller Sorgen und voller Hoffnung. Land und Nachkommen hatte Gott ihnen versprochen. Das Land Kanaan hatten sie gefunden und nun wohnten sie schon zehn Jahre dort. Auf die Erfüllung von Gottes Zusage, auch viele Nachkommen zu haben, warteten sie bislang vergeblich.  

Eine dritte Person bringt dann Bewegung in die Geschichte: Sarais ägyptische Magd Hagar.   [Und weil Namen hier so unendlich bedeutungsschwanger sind, darf auch dieser Hinweis nicht fehlen: Hagars semitischer Name bedeutet „Flucht“ oder „Fremdling“.]   Von Hagar also erhofft sich Sarai das Ende dieses unerträglich langen Wartens auf Nachkommen: Hagar soll die Rolle einer Leihmutter übernehmen. Das scheint heute vielleicht verwerflich; im Alten Orient war dieser Plan nicht außergewöhnlich. Wenn das Kind der Leibmagd auf dem Schoß der Herrin geboren wurde, war es als vollberechtigtes Mitglied der Familie anerkannt.  

Sarais Geduld also war zu Ende. Sie beschloss, Gottes Zusage auf die Sprünge zu helfen. Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Hagar wurde schwanger. Und das zog dann doch das Verhältnis zwischen Magd und Herrin arg in Mitleidenschaft; Hagar flieht in die Wüste – Hagar, die Flüchtende, das sagt schon ihr Name. Dort in der Wüste passiert dann Unglaubliches – Beachtliches auch für unser Bibelverständnis. Mit Hagar begegnet uns die erste Frau in der Bibel, die Gott durch einen Boten persönlich anspricht! Hagar ist auch die erste Frau, die eine umfassende Segensverheißung von Gott erhält. Einen Sohn soll sie gebären und mit ihm so viele Nachkommen, dass sie der großen Menge wegen nicht gezählt werden können! Nicht Abram allein gilt diese Verheißung. Das sagt etwas über das Verhältnis der Nachkommen Abrams zu den Nachkommen Hagars, auf die sich unsere muslimischen Geschwister zurückbinden!  

Aber noch ist Hagar in der Wüste. Sie weiß, dass sie wieder umkehren muss. In der Begegnung mit dem Boten Gottes kommt sie zu der Erkenntnis, die über diesem Jahr steht: „... sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht.“ (Gen 16,13) – El-Roï – Gott sieht mich! Das ist für Hagar der Name Gottes und zugleich ihr persönliches Glaubensbekenntnis! Gott sieht mich!  Diese Erkenntnis richtet sie auf und verwandelt sie von der Dienerin Sarais zur von Gott angesehenen und gesegneten Hagar.  

Und Gott sieht sie nicht nur, sondern hört auch ihr Elend. Damit sie das nicht vergisst, soll sie ihrem Sohn den Namen Ismael geben, der genau das bedeutet: Gott hört. Ismael, Stammvater unserer muslimischen Geschwister.

Als der Engel wieder entschwindet, kann Hagar es kaum fassen: „Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat“. Gott sieht mich! Der Name bestätigt, dass Gott auf das Elend der Entrechteten und Entmachteten sieht und sich ihrer annimmt.  

Hagar gibt Gott einen Namen. Das ist für mich wichtig geworden an diesem Text. Hagar gibt Gott einen Namen: El-Roï – Gott sieht mich!  

Hagar hat erlebt, dass Gott sie auch in ihrer verzweifelten Lage nicht aus dem Blick verloren hat. Gott hat sie angesehen.

Auch Maria wird sich später so gesehen wissen, als ihr Gottes Bote ihre besondere Schwangerschaft verkündet – und sie betet: Gott hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen! Gott sieht mich! Das ist der Name, der über diesem Jahr steht. Unser Gott, der Gott Hagars und Marias ist ein Gott – ist ein Gott, der hinschaut. Gott ist nicht blind für das Schicksal der Menschen. Gott sieht. Gott nimmt wahr, was mit den Menschen geschieht und es ist Gott nicht gleichgültig. Hagar und Maria haben das offenbar tröstlich erlebt. Sicher kann man das auch bedrohlich empfinden: „Der liebe Gott sieht alles!“ – ist ja so ein beliebter Droh-Satz aus der schwarzen Pädagogik. Hagar und Maria aber fühlen sich nicht bedroht. So soll es auch nicht über diesem Jahr stehen – keine Bedrohung – ein tröstender Gottesname steht über diesem Jahr – der Name, den die Magd Hagar durch ihre ermutigende Erfahrung für Gott gefunden hat.  

Andere finden andere Namen. Das ist unterschiedlichen Erfahrungen mit Gott geschuldet. Auch Sie finden vielleicht Ihren Namen für Gott, einen Namen, der den Trost und die Hoffnung in sich trägt, die Sie erfahren konnten. Gott hat ja bekanntlich viele Namen. Einige davon sind Ihnen geläufig: der Allmächtige, der Barmherzige, der Liebende, ... Das fände ich spannend, zu sammeln, welchen Namen Sie Gott heute geben – aus Ihren Erfahrungen, aus Ihren Begegnungen, aus Ihren Hoffnungen: Gott, der mich tröstet – Gott, der mich hört – Gott, der mich ärgert – Gott, der mir fremd ist – Gott, der mich liebt – oder ganz traditionell, wie vor einer Woche gerade: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst, ...  

Ich bin mir sicher, viele Namen Gottes würden da zusammenkommen, wenn wir unsere Namen einsammeln. Vielleicht können wir uns nachher am Feuer darüber austauschen. Aus naheliegendem Anlass erinnere ich mich an die Tradition der muslimischen Geschwister, die 99 schönste Namen Gottes kennen. Viele sind darunter, die uns ganz vertraut sind. Ist ja kein Wunder, denn mit Hagar und ihrem Sohn Ismael beginnt der Tradition nach die Entwicklung unserer muslimischen Geschwister-Familie – Ismael ist ihr Stammvater – Halbbruder von Isaak, unserem jüdisch-christlichen Stammvater.

In beiden Traditionen gibt es viele schöne Namen für Gott. Ich erwähne hier einige daraus – vielleicht ist Ihrer ja dabei:

König und Schöpfer – Verzeiher – Allwissender –  die Wachsame – der Starke – die Eine und Einzige – der Mitleidige – die Gute – der Zurückweisende und an Platz 99 der muslimischen Tradition: der Geduldige!      

Mein Favorit heute wäre „der Geduldige“ – das denke ich immer wieder: wie geduldig muss Gott mit mir, mit uns sein, dass Gott uns auch im neuen Jahr weiter aushält, bei all dem, was wir Menschen so verzapfen? Sehr geduldig! Und das bringt mich zu einem weiteren Namen. Im Namen, den Hagar für Gott findet, klingt er für mich schon an. Im Christusgeschehen später wird er dann ausdrücklich auch ein Name Gottes. Er heißt: der Leidende, der mitleidende Gott!  

Dieser Gott, der mich sieht, sieht Hagar mit all ihrer Not und richtet sie auf; dieser Gott, der mich sieht, sieht auch mich und dich und Sie mit all unseren Sorgen und Ängsten – und wir gehen ja nicht mit zu wenigen davon in das neue Jahr 2023 unter Gottes Segen – dieser Gott sieht auch mich und dich und Sie mit all unseren Sorgen und Ängsten und geht geduldig und mitleidend und ermutigend an unserer Seite in dieses neue Jahr.  

Mit Bonhoeffers Lied zum Jahreswechsel haben wir es schon gesungen: „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag, Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Das wird auch in diesem neuen Jahr mit all seinen Herausforderungen, mit allem Barmen um Frieden, mit allem Ringen um Gerechtigkeit, mit allem Streiten um den richtigen Weg – das wird auch in diesem neuen Jahr so bleiben. Gott wird uns das Angesicht zuwenden und uns ansehen; Gott wird uns in den Blick nehmen, uns mit seinen Augen freundlich hin und her leiten, wird uns nicht namenlos begegnen, sondern in der ganzen Vielfalt der Namen und Erfahrungen – aber mit der Gewissheit, dass wir in und mit Gottes Namen unterwegs sind.  

Das bringt mich zum letzten Gedanken: Die EKD hat dieses Jahr 2023 zu einem Schwerpunktjahr „Taufe“ erklärt. Und das fügt sich gut am Ende dieser Predigt zum Anfang dieses Jahres. Denn daran lohnt es auch zu erinnern: auf den Namen dieses Gottes, des mitleidenden, geduldigen Gottes, der uns ansieht, auf diesen Namen sind wir alle miteinander getauft. Wir dürfen gewiss sein, dass wir Gott schon deswegen nicht aus dem Blick geraten werden.  

Zwischen allen Sorgen und Nöten wird es immer wieder solche „Augen-Blicke“ geben, in denen sich dein Blick mit Gottes Blick berührt – einen Augenblick lang. Halte ihn fest! Gott sieht dich!"