Veröffentlicht am Fr., 17. Apr. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Ab jetzt bloggt sie hier über gelingendes Familienleben im Corona-Modus und gibt Tipps für die Zeit zwischen Homeoffice und Kinder-Dauerbetreuung.

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Wenn wir nicht mehr weiterwissen

Wenn eine Familie so lange zu Hause Zeit miteinander verbringen muss, erlebt man sich gegenseitig viel vollständiger, als wenn man das Haus tagsüber verlässt und einander nur zeitweise begegnet.

Nehmen wir an, beide Elternteile sind berufstätig und jetzt im Homeoffice. Das Kita-Kind hat kein Anrecht auf eine Notbetreuung, weil die Eltern nicht in den geforderten Berufsgruppen tätig sind. Sie erleben Ihr Kind also den ganzen Tag und stellen fest, dass es nicht auf Sie hört, dass es macht, was es will, nervt und den ganzen Tag eine 1:1-Betreuung braucht.

Der Spiegel der Familiendynamik legt alles offen

Dunkel dämmert Ihnen, dass die Bezugserzieherin beim letzten Elterngespräch etwas Ähnliches gesagt hat, Sie das aber nicht besonders ernst genommen und eher auf die Verhältnisse in der Kita geschoben haben. Jetzt stehen Sie da und wissen nicht, was Sie machen sollen, denn der Haussegen hängt ohnehin schon seit längerer Zeit schief.

Sie glauben gar nicht, wie vielen Familien es im Moment so geht, dass sie täglich in den großen Spiegel ihrer Familiendynamik sehen müssen und nicht daran vorbeigehen können!

Ihr Kind zeigt Ihnen, mit welcher Strategie es bisher seinen Alltag bewältigt hat, und Sie sind jetzt gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen. Das ist unter Umständen ein schwerer Schlag der Erkenntnis für Sie, wenn Sie jetzt feststellen, dass Ihr Kind Sie steuert und nicht umgekehrt. Wie konnte es dazu kommen?

Viele Leben, viele Regeln

Ich vermute mal weiter ins Blaue hinein. Wahrscheinlich haben Sie sich wahnsinnig darüber gefreut, dass Sie, vielleicht schon ein wenig im fortgeschrittenen Alter, doch noch ein gemeinsames Kind bekommen haben, nachdem Sie beruflich gut eingerichtet sind und Ihnen doch etwas fehlte.

Man kann ein Kind nicht genug lieben, heißt es so schön, und das ist auch wahr. Aber was heißt Liebe für ein Kind? Am Anfang, in der Zeit des Stillens und der Pflege ist es noch eindeutig, aber unmerklich wachsen die Anforderungen an Sie mit dem Gehirn des Kindes und seinen Ansprüchen. Ihr Kind muss lernen, was geht und was nicht, was heiß und kalt bedeutet, was kaputtgehen kann und wie die „Haus- und Alltagsregeln“ in der Familie laufen, denn die Eltern hatten ein Leben vor dem Kind und wollen auch noch eins mit dem Kind – als Paar; das müssen sie haben!

Kinder können nicht anders: Im Mittelpunkt steht die Lust

Kinder haben erstmal rein hirnorganisch nur ihr Lustprinzip im Sinn. Sie handeln gefühlsorientiert. Verstand besitzen sie noch nicht; die Regeln des Lebens werden ihnen erst langsam durch die Eltern und andere betreuende Personen beigebracht, damit sie sich in der Gesellschaft und Kultur, in der sie leben, auch zurechtfinden und notwendigerweise an die Gegebenheiten anpassen können. Himmel- und Schattenreich des Lebens müssen in eine fühlbar gesunde Mixtur gebracht werden.

Manche Eltern verpassen die richtigen Zeitpunkte, weil sie glauben, diese Strukturen würde ihr Kind dann in der Tagesbetreuung oder in der Schule schon lernen. Weit gefehlt! Die Kinder reproduzieren in der Tagesbetreuung, was sie von zu Hause mitbringen.

Die Lösung heißt Co-Regulation - und Arbeit

Die Hoffnung, die Liebe zum Kind würde ein ewiges Himmelreich bescheren, bricht irgendwann zusammen, wenn das Kind glaubt, in der Kita würde auch alles nach seiner Nase laufen, weil es das von zu Hause so kennt. Mama macht schon, damit es friedlich läuft. Aber der Frieden ist zunehmend gefährdet, wenn das Kind nicht lernt, sich durch die Co-Regulation der Elternpersonen selbst zu regulieren.

Und das ist Arbeit, richtige Arbeit, weil es anstrengend, oft nervig und zeitfressend ist, ein Kind durch diese Prozesse zu begleiten. Vor allem, wenn man vielleicht nicht auf stabile Ressourcen aus der eigenen Kindheit zurückgreifen kann.

Was will uns das Kind mit seinem Verhalten sagen?

Leider scheitern nicht selten in solch einer Situation Partnerschaften, weil es unterschiedliche Erziehungsvorstellungen aufgrund unterschiedlicher eigener Erfahrungen gibt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wäre eine intensive Auseinandersetzung mit den Selbstäußerungen Ihres Kindes nötig. Was inszeniert es unbewusst? Was will es uns damit sagen? Wo ist seine Not? Was können wir tun?

Die gute Nachricht zuerst: Es ist nie zu spät! Kinder lernen schnell, und Erwachsene übrigens auch, wenn es sein muss. Die hoffentlich aufrüttelnde Nachricht: Es braucht Zeit, Energie, Achtsamkeit und den Willen dazu!

Werden Sie als Eltern erkennbar - und holen Sie sich Unterstützung

Jetzt ist eine allgemeine Situation, in der alle Menschen sehr viel lernen müssen, weil wir so eine Pandemie mit diesen Auswirkungen noch nie erlebt haben. Deshalb haben Sie jetzt auch die Möglichkeit, sich innerhalb dieser verordneten Zeit außerhalb Ihres sonstigen Hamsterrads der Situation Ihres Kindes zu widmen. Natürlich können Sie keine Reset-Taste drücken und nochmal von vorne anfangen, aber Sie können die Korrektur einläuten und mit Ihrem Kind eine neue Orientierung erarbeiten, indem Sie sich stärken und als Eltern klar erkennbar werden. Ich habe in einigen Blogs dazu schon Verschiedenes geschrieben.

Und wenn Sie merken, dass Sie es alleine nicht schaffen: Holen Sie sich Beratung! Rufen Sie an einer Stelle Ihres Vertrauens an und nutzen Sie die Situation für eine Kurskorrektur, bevor Sie Ihr Kind über den Tag wieder in einer Einrichtung abgeben.

Niemand muss sich schämen und ist bestimmt keine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater (glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche), wenn er zu nachgiebig und dann wieder aus Hilflosigkeit zu streng war. Alles ist menschlich und bedarf keiner Bewertung.

Falls Sie sich von dem Text angesprochen fühlen, dann ist jetzt ein guter Zeitpunkt zu handeln.


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Kategorien Elternberatung