Veröffentlicht am Sa., 18. Apr. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Ab jetzt bloggt sie hier über gelingendes Familienleben im Corona-Modus und gibt Tipps für die Zeit zwischen Homeoffice und Kinder-Dauerbetreuung.

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Psychische Erkrankungen: Wie Sie und Ihre Familie nicht nur jetzt Unterstützung finden

Es ist nicht einfach, mit einer Depression zu leben. Es ist ein Kraftakt, gute Beziehungen zu führen, wenn man manchmal wie ein Gummiband in die innere Leere zurückschnippst und nicht weiß, wie man die Spannung wieder aufbauen soll. Häufig hilft eine gute Medikation, aber wenn noch andere, größere Probleme wie die Corona-Krise oder eine Trennung dazukommen, ist ein neues Umgehen mit der Situation nötig.

Plötzlich ist man den ganzen Tag mit seinem Kind zu Hause. Was für jede Familie schon schwer genug ist, wiegt doppelt und dreifach, wenn man auch noch alleinerziehend ist oder in Trennung lebt. Was bisher vielleicht nicht als Thema in der Familie vorkam, ist jetzt nicht mehr zu verdecken. Kinder ab drei, vier Jahren, die bereits über ein sprachliches Verständnis verfügen, möchten ernstgenommen und informiert werden.

Ihre Kinder benötigen eine alters- und kinderechte Aufklärung

Falls es Ihnen als Eltern schwerfällt, die passenden Worte zu finden, ohne zu dramatisieren oder emotional zu werden, sollten andere Angehörige, Tante, Onkel, Großeltern, Freunde, die Bezugserzieherin in der Kita, ein Arzt o.a. zum Gespräch eingeladen werden, um diesen Part der Informationsvermittlung zu übernehmen. Geklärt werden muss, welche Informationen das Kind über die Krankheit bereits hat, was richtiggestellt werden muss und welche es noch braucht, um die Situation einschätzen zu können.

Kinder wollen wissen:

Warum ist meine Mutter/mein Vater krank?
Was hat er/sie?
Was passiert mit mir?
Wer kümmert sich um mich?

Was muss ich tun?
Bekomme ich diese Krankheit auch?

Angesprochen werden muss, dass niemand an der Krankheit Schuld hat und dass nicht das Kind Mutter oder Vater heilen kann, sondern dass sie oder er Behandlung braucht.

Spezifische Kinderbücher enthalten kindgemäße Formulierungsvorschläge zu verschiedenen Störungsbildern.

Susanne Wunderer (2010): Warum ist Mama traurig? Ein Vorlesebuch für Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil. Frankfurt: Mabuse-Verlag

Karen Glistrup (2014): Was ist nur mit Mama los? Wenn Eltern in seelische Krisen geraten. Mit Kindern über Angst, Depression, Stress und Trauma sprechen. München: Kösel-Verlag

Erdmute von Mosch (2008): Mamas Monster. Was ist bloß mit Mama los? Köln: Balance Buch und Medien Verlag

Christiane Tilly, Anja Offermann (2012): Mama, Mia und das Schleuderprogramm. Kindern Borderline erklären. Köln: Balance Buch und Medien Verlag

Schirin Homeier (2006): Sonnige Traurigtage. Ein Kinderfachbuch für Kinder psychisch kranker Eltern. Frankfurt: Mabuse-Verlag

Sigrun Eder, Petra Rebhandl-Schartner, Evi Gasser (2013): Annikas andere Welt. Hilfe für Kinder psychisch kranker Eltern. Salzburg: edition riedenburg

In Familien mit psychisch kranken Eltern sollten sich Hilfen an folgenden Zielen ausrichten

● therapeutische bzw. psychiatrische Behandlung des Elternteils

● Hilfen bei der Gestaltung der Familienbeziehungen und der Erziehung des Kindes

● Entlastung im Alltag (Haushalt, Kinderbetreuung, Freizeitgestaltung und schulische Unterstützung der Kinder)

● Miteinbezug des Kindes in die Behandlung (Familiengespräche, Einzelgespräche, gemeinsame stationäre Aufnahme von Elternteil und Kind)

● Entwicklungsförderung für das Kind (Frühdiagnostik und -förderung, Kin- derpsychotherapie, themenzentrierte Gruppen und Projekte für die Kinder)

● emotionale Unterstützung des gesunden Elternteils und der Paarbeziehung

Sie haben einen Anspruch auf Hilfe zur Erziehung

Im Elterngespräch in der Kindertageseinrichtung kann der Hinweis wichtig sein, dass die Eltern nach § 27 Abs. 1 SGB VIII einen rechtlichen Anspruch auf Hilfe und Unterstützung haben, „wenn eine dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für seine Entwicklung geeignet und notwendig ist“. D.h. dass das Jugendamt verpflichtet ist, Eltern zu unterstützen, wenn sie sich aufgrund von Krankheit oder aus anderen Gründen nicht in der Lage sehen, ihrem Kind eine ausreichende Erziehung und Versorgung zu sichern.

Natürlich ist nicht jede Stimmungsschwankung oder Traurigkeitsattacke gleich eine Depression. Es ging mir hier um eindeutig diagnostizierte Krankheitsbilder. Wenn diese vorliegen und die Situation aufgrund der Corona-Krise im Haushalt aus den Fugen zu geraten droht, dann warten Sie nicht, sondern holen Sie sich sofort die Hilfe, die Ihnen auch zusteht.

Solange die Kitas noch nicht geöffnet sind, kann eine Notbetreuung Entlastung bieten. Und denken Sie daran, dass sowohl Sie als auch Ihr Kind oder Ihre Kinder stärker und resilienter sind, als Sie vielleicht denken. - Sie geben Ihr Bestes!

Mit einem Klick finden Sie hier einige fachliche Hinweise für Kindertagesstätten, wie mit psychischen Erkrankungen innerhalb in Familien umgegangen werden kann.


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Kategorien Elternberatung