Veröffentlicht am Mo., 20. Apr. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Ab jetzt bloggt sie hier über gelingendes Familienleben im Corona-Modus und gibt Tipps für die Zeit zwischen Homeoffice und Kinder-Dauerbetreuung.

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Achtung, schwarzer Kater im Anmarsch!
Die tägliche Gebrauchsanweisung für Familienmitglieder

Heute sagte mein bester Freund am Telefon, man müsse seine Gebrauchsanweisung ständig aktualisieren. Was für ein schönes Bild! Beim engen Zusammenleben verstärken sich in der Regel Probleme, die vorher schon vorhanden waren. Wenn ich also ohnehin unter Stimmungsschwankungen leide, werden die Amplituden unter den momentanen Bedingungen nicht kleiner. Häusliche Gewalt soll zunehmen, weil die Ventile zur Außenwelt zugedreht sind.

Kinder, die sich mit ihren Freunden nicht wie gewohnt austoben können, sind manchmal nicht mehr „zu gebrauchen“, weil ihnen die nötige Selbststeuerung fehlt. Eltern geht es genauso, aber sie als Erwachsene sind für den Hausfrieden verantwortlich.

Manchmal ist einfach „Schwarzer-Kater-Tag“

An manchen Tagen stehe ich auf, reibe mir die Hände, und freue mich auf den Tag mit so viel ungewohnter Zeit. Ich habe meine Fenster geputzt und mich hochmotiviert an mein Laptop gesetzt, um in Ruhe endlich mal aufzuschreiben, was ich alles zu sagen habe. Jede Beratungsanfrage ist willkommen, weil ich mich kompetent und gebraucht fühle.

Es gibt aber auch die Tage, an denen ich schlecht geschlafen und vor allem schlecht geträumt oder doch gegrübelt habe. Wenn dann noch die Sonne weg ist, laufe ich zwischen Kühlschrank und Arbeitstisch hin und her und möchte eigentlich in den Arm genommen werden, „armer schwarzer Kater“ sein und hören, wie toll und super ich bin, obwohl ich doch gerade arm dran bin, weil ich nicht alles machen darf, was ich will.

Wer mit mir an solchen Tagen im privaten Bereich zu tun hat, sollte wissen, dass „Schwarzer-Kater-Tag“ ist. Genauso, wie ich mir an den anderen Tagen ganz geduldig alles bisher „Unerhörte“ meines Gegenübers anhöre und meine Gedanken dazu äußere.

Visite – nicht nur im Krankenhaus nützlich

Was können Sie zu Hause tun, wenn Sie zu mehreren sind? Wie wäre es mit dem schönen Wort „Bulletin“ oder „Visite“, reihum (die Äußerungen von Kindern im vorsprachlichen Bereich muss man natürlich decodieren).

„Ich fühle mich…, ich brauche heute…, ich wünsche mir…, ich bitte um…, ich weiß heute nicht, bitte fühl Du Dich ein…“ usw. Es ist ein Training, von sich und miteinander zu sprechen.

„Heute brauche ich Zeit für mich, weil ich Ruhe brauche, für Arbeit oder mal zum Zocken im PC, ich nehme die Kinder dafür morgen.“, „Ich merke, dass ich heute keinen Nerv für die Kinder habe und will nicht ausrasten…“usw.

All das auszusprechen ist quasi wie ein Mundschutz. Ich tue es, um die anderen zu schützen, weil ich heute nicht gut drauf bin und das Recht dazu habe.

Jeden Tag eine neue Gebrauchsanweisung

Ob Haushalt, Kinder betreuen, Kinder ins Bett bringen, einkaufen gehen, einen Rückzugsort beanspruchen, Rechnerzeit bekommen, berührt werden oder gerade nicht: Wir können im Moment lernen, dass Absprachen nötig und hilfreich sind – je genauer, desto besser. Dafür ist es nötig, in sich hineinzuhören, die Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen und zu üben, sich zu äußern.

Geben Sie morgens eine Gebrauchsanweisung für sich ab und schauen Sie, wie sich die Bedürfnisse der Familienmitglieder vereinbaren lassen. Morgen ist ein neuer Tag, der andere Stimmungen und Bedingungen mit sich bringt. Mir fällt der Begriff „Geschmeidigkeit“ ein – sowohl, was das Ausweichen als auch das Hinwenden betrifft. Halten Sie den emotionalen Mindestabstand, wenn es „gefährlich“ wird. Man kann einen anderen Menschen sowieso nicht ändern, nur die eigene Reaktion, und die hat dann vielleicht Wirkungen.

Schieben Sie schwierige Entscheidungen jetzt besser auf

Ich habe noch einen bedeutsamen Hinweis. In Situationen wie dieser, unter schwierigen Lebensbedingungen, sollte man keine tiefgreifenden Entscheidungen treffen, wie z.B. eine Trennung oder andere schwere Verletzungen dem Partner gegenüber.

Es ist für Kinder, die den Eltern ohnehin mehr „ausgeliefert“ sind als sonst, eine zusätzliche Belastung, die sie kaum verarbeiten können. Kinder spüren sofort, dass etwas Schlimmes passiert und haben keine Möglichkeit, zu gehen.

Also bitte, liebe Eltern, überlegen Sie gut, ob jetzt der richtige Zeitpunkt ist, Dinge zu sagen, die man schon lange rauslassen wollte. Unser Stammhirn kennt in einer Situation von Bedrohung nur Angriff, Flucht oder Lähmung. Alle drei Reaktionen können Kinder als Abhängige gerade gar nicht gebrauchen. Und Sie auch nicht.

Ursprünglich war die Familie nicht als rosa Wolke für durchweg romantische Gefühle gedacht, sondern eine Entscheidung, ein Vertrag mit Bedingungen, die auf dem Solidarprinzip beruhen. Bleiben Sie solidarisch – auf Augenhöhe, mit Respekt und Toleranz.


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Kategorien Elternberatung