Veröffentlicht am Fr., 24. Apr. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie über gelingendes Familienleben im Corona-Modus und gibt Tipps für die Zeit zwischen Homeoffice und Kinder-Dauerbetreuung.

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Oma, erzähl mir von früher!

Mama, Papa, Oma, Opa, Onkel, Tanten, Freunde – alle, die älter sind und die Realität vor Corona erfahren haben, dürfen sich auf etwas gefasst machen. Diese Normalität wird es nicht mehr geben. Es wird zumindest immer eine Vorsicht geben müssen, wenn nicht sogar eine lange physische Trennung von den „älteren Herrschaften“. Das ist schmerzlich, unnatürlich und sehr gewöhnungsbedürftig.

Solange es keinen Impfstoff gibt und die tatsächlichen Auswirkungen einer Corona-Infektion nicht genauer bekannt sind, besteht große Gefahr für ältere und/oder vorerkrankte Menschen. Nein, das möchten wir eigentlich nicht haben. Alle Fragen von Konsum, Arbeit und Vergnügungen sind im Grunde nachrangig, auch wenn man den Verstand ganz schön benutzen muss, um sich das immer wieder klarzumachen.

Die älteren Leute fühlen sich vielleicht abgeschoben, nicht mehr gebraucht, dürfen ihr neues Lebenselixier – ihre Enkel oder sogar Urenkel – nicht mehr in die Arme nehmen und die gute warme Energie spüren, die die Kinde ausströmen. Es ist wirklich nicht zu beschreiben, wie traurig das für viele Menschen ist.

Großmutters Tablet und Opas iPhone 

Also, was können wir trotzdem tun? Wie auch immer, Oma oder Opa ein Rechner, Tablet oder Smartphone zu installieren ist bestimmt richtig. Ich kenne einige, die gerade jetzt ihren Widerstand gegenüber den neuen Medien blitzschnell aufgeben, um nicht in Isolation zu geraten. (In der Evangelischen Familienbildung auf dem Campus Daniel waren die Smartphone-Kurse für Senior*innen schon vor Corona (v. C.) der absolute Hit.)

Jetzt geht es um diejenigen Älteren, die das noch können. Die tragischen anderen Fälle, in denen das nicht mehr möglich ist, lasse ich jetzt mal außen vor und schicke nur liebevolle Gedanken in diese Richtung.

Schöne Erinnerungen – ein Heilmittel im Gehirn

Was können die Älteren berichten, mal abgesehen von ihrem relativ gleichförmigen Alltag, den körperlichen Beschwerden oder Sendungen, die sie im Fernsehen gesehen haben?

Es ist wichtig, die Erinnerungen und Empfindungen, Erlebnisse und Abenteuer aus den vergangenen Zeiten wachzuhalten. Wir wissen durch die Hirnforschung, dass Fantasien und Bilder im Gehirn genauso angenehme und unangenehme Assoziationen mit den entsprechend zwischen den Nervenzellen überspringenden Botenstoffen auslösen können.

Schöne Erinnerungen machen schöne Gefühle, und diese lösen heilsame chemische Reaktionen aus. Wenn man das einmal begriffen hat, hat man einen Zugriff auf einen unendlichen Wissensspeicher, der durch so schwere isolierte Zeiten retten kann.

War Oma ein Hippie?

Überlegen Sie mit ihren Kindern – je nach Alter – gemeinsam, was Sie von Verwandten und Freunden wissen wollen. Wie war das früher nach dem Krieg, als es noch nicht so viel zu essen gab, alles aufgebaut werden musste, trotz Kriegsende nichts mehr normal war und nichts mehr werden würde wie früher? Oder die Alt-68er – was haben sie in der Zeit des Wirtschaftswunders erlebt? Waren sie fleißige und angepasste Bürger*innen oder eher Hippies?
Wie habt ihr das damals nur geschafft?

Jeder Mensch ist ein wandelndes Geschichts- und Geschichtenbuch, das nur aufgeblättert werden muss. Natürlich kommen da nicht nur schöne, sondern auch schmerzhafte Erinnerungen hoch. Aber gehört das nicht zum Leben dazu? Man versteht am besten, was „Resilienz“ ist, wenn man zuhört, wie andere schwere Zeiten überstanden haben. Überlegen Sie sich mit Ihren Kindern, was sie genau wissen wollen, wer eigentlich zur Familie gehört, welche Informationen vorhanden sind. Entwickeln Sie Interview-Leitfäden!

Hätte ich nur gefragt …

So werden die älteren Generationen wieder wichtig, fühlen sich gebraucht und geben ihre Lebensthemen weiter. Manche tun sich schwer damit und wollen sich nicht gerne erinnern; aber wiederkehrendes Interesse kann alte Widerstände auch auflösen. Im Moment löst sich sowieso so viel an Gewohntem auf, dass das eine gute Gelegenheit ist.

Ich würde sonst was darum geben, wenn ich noch die Gelegenheit hätte, Dinge von meinen Eltern zu erfragen. Ich hatte es damals noch nicht so auf dem Schirm und wurde von ihrem Tod auch überrascht.

Also legen Sie eine Familienchronik an. Gibt es noch einen alten Stammbaum? Haben wir alte Dokumente (schauen Sie mal unter diesen Text, was ich gefunden habe)? Für etwas ältere Schulkinder kann das ein wunderbares Projekt mit Ihnen gemeinsam sein. Und sowas Tolles fürs Leben lernt man niemals in der Schule!

Taufschein eines meiner Vorfahren ...


Taufurkunde auf Polnisch!


... und eine Berlinerin im Alpenverein.


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