Veröffentlicht am Di., 28. Apr. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie über gelingendes Familienleben im Corona-Modus und gibt Tipps für die Zeit zwischen Homeoffice und Kinder-Dauerbetreuung.

HIER gibt es diesen Text als pdf zum Download.


Über dünne Haut und Dankbarkeit

Können Sie sich gerade vorstellen, gar nicht mehr in die alte Realität zurück zu wollen? Käme es Ihnen in den Sinn, aus all den Veränderungen der vergangenen Wochen die Erkenntnis zu ziehen, dass vieles an dem Leben jetzt sogar besser und lebenswerter ist als an der sogenannten Normalität vorher? Ich frage mich das gerade.

Erste persönliche Zwischenbilanz: Mehr Gespräche, weniger Stress

Ich habe ewig nicht mit so vielen Leuten intensive Gespräche geführt, wenn auch nicht immer direkt und persönlich. Ich habe noch nie so viele Lebensmittel im Haus gehabt, gesund gekocht und mit Wonne verspeist. Habe andere Klamotten als sonst aus dem Schrank geholt und festgestellt, dass ich mehr als genug von allem habe.

Durch den Wegfall von Wegen, Sitzungen und Übergangszeiten habe ich viel mehr Zeit zum Lesen und Rumkramen am Tag gehabt. In telefonischen Beratungen sind wir miteinander viel schneller zum Punkt gekommen, als wenn wir miteinander in meinem Büro gesessen hätten.

Ich bin eindeutig weniger gestresst und habe seit meiner Examens- und der Diplomarbeit vor Jahrzehnten selten so viel geschrieben wie jetzt.

Ich habe endlich angefangen, nebenbei Spanisch zu lernen. Ich habe Ausflüge zu mir unbekannten Orten innerhalb Berlins gemacht und die Stadt als mein Zuhause erlebt, ohne an den nächsten Urlaub zu denken.

Ich bin sensibler, dünnhäutiger und emotionaler geworden. Jede Mail, jedes selbstgemachte Video von Kindern und Enkeln, alles berührt mich viel stärker.

Ich habe gesucht, welche Leute und Projekte ich finanziell unterstützen will und mich dabei gut gefühlt, wenn ich einfach auf den PayPal-Button gedrückt und etwas gespendet habe. Werbung, Konsumieren, all das ist mir total fern, solange es meinen Leuten, die zum Teil älter und/oder krank sind, gut geht.

Ich bin dankbar für alle Privilegien, die ich habe: Homeoffice, Krankenversicherung, regelmäßiges Einkommen und Entscheidungsfreiheit in meinem Rahmen. Und ich bin froh, dass ich mit mir und meiner Zeit etwas – wie ich finde – Sinnvolles anfangen kann, indem ich diesen Blog schreibe, zunehmend mehr Menschen berate, kommuniziere, tröste, und mich auch im Privaten trösten lasse, wenn ich es brauche. Ich bin auch dankbar, dass ich mich in meinem Beruf keinen Gefahren aussetzen muss, und dass ich diese Woche den tollsten und stressfreisten Geburtstag seit Langem hatte, u.v.m.

Kurz: Es gibt eine ganze Menge Gefühle und Erlebnisse, die ich durch Corona bewusster erlebe und die ich gerne festhalten möchte. Ich freue mich auch, dass die Umwelt, der Himmel und die Meere eine Atempause bekommen, wenn auch bei uns der Regen fehlt.

Diese Zeit legt auch unsere Potentiale frei – schreiben Sie sie auf

Wie geht das? Wir vergessen schnell, wenn alles wieder in einen Trott gerät und man sich daran gewöhnt, dass eben immer Menschen auch an oder durch Corona sterben werden. Ich glaube, bin mir sicher, dass auch als schwierig empfundene Zeiten immer eine Menge Potential freilegen, eigene Stärken und Fähigkeiten ans Licht bringen, auf die man längerfristig stolz sein kann.

Ermuntern Sie sich gegenseitig, eine Liste mit den positiven und gewinnbringenden Seiten dieser für uns fremden Lebensverhältnisse aufzustellen und am besten einzurahmen und aufzuhängen, bevor sie wieder in Vergessenheit geraten.

Auf neuem Kurs – was haben Sie gelernt?

Was mir noch wichtig ist: Nach dem „sozialen Fasten“ nicht gleich ins Gegenteil abrutschen und die Rücksicht vergessen; nicht gleich wieder wild durch die Gegend fliegen, nur weil es möglich ist oder alles liefern lassen, was im Einzelhandel auch gekauft werden könnte. Wer es sich leisten kann, sollte nicht immer nur nach dem Billig-, sondern auch nach dem Solidarprinzip in kleineren Läden einkaufen.
Die Atempause führt vielleicht zu einer generellen Kurskorrektur in der eigenen Lebensführung. Eine bessere Gelegenheit dazu gibt es so bald nicht wieder, die eigenen Wertmaßstäbe zu überprüfen. Vielleicht hat die größere Nähe zueinander auch gutgetan und war nicht nur stressig, wenn auch manchmal laut und chaotisch. Vielleicht haben Sie gelernt, anders miteinander und mit Konflikten umzugehen.
Bitte halten Sie das fest und gehen Sie mit Ihren Kindern gemeinsam in eine neue Zeit des achtsamen Miteinanders.

Gedicht zum Thema "Leben"

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:

Die Luft einzuziehn, sich ihrer entladen;

Jenes bedrängt, dieses erfrischt;

So wunderbar ist das Leben gemischt.

Du danke Gott, wenn er dich preßt,

Und dank ihm, wenn er dich wieder entläßt.

                                              Johann Wolfgang von Goethe


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Kategorien Elternberatung