Veröffentlicht am Mo., 4. Mai. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie über gelingendes Familienleben im Corona-Modus und gibt Tipps für die Zeit zwischen Homeoffice und Kinder-Dauerbetreuung.

HIER gibt es diesen Text als pdf zum Download.


Gruselig? Die Begegnung mit den Masken

Nicht nur Kinder haben ihre liebe Not mit dem Anblick der unerforschlichen Gesichter in den Läden, auf den Straßen und manchmal auch in den Kitas. Es fallen einem keine beruhigenden oder angenehmen Assoziationen ein, nur Furcht vor Nähe und Ansteckung. Wir brauchen unseren Verstand, um das Einsehen zu haben, dass es gut und nötig ist, so in der Öffentlichkeit rumzulaufen, und das Erkennbare nichts über die Person hinter der Maske aussagt.

Und genau diesen Verstand können kleine Kinder noch nicht haben, weil ihr Gehirn diesen Grad an Wachstum noch nicht erreicht hat.

Die Anfrage einer Mutter brachte mich auf dieses Thema, weil sie sich Sorgen macht, dass ihr offenes und vertrauensvoll in die Welt blickendes Kind Schaden nehmen könnte, wenn es plötzlich überall auf diese Gesichtsbarrieren gepaart mit körperlichen Distanzen stößt.

„Wenn Vorsicht zu Angst wird, führt es zu nichts Gutem!“

In den Kitas sollte in Ergänzung zur Familie an anderen Stellen Sicherheit geschaffen werden, damit das Negative nicht überwiegt und Kinder unnötig verunsichert und geängstigt werden. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt, wie man den Kindern die Situation nahe bringt und erklärt.

Ich habe die ganzen Anweisungen – angefangen bei den Verlautbarungen der Familienministerkonferenz (JFMK) zu dem stufenweisen Prozess zur Öffnung der Kitas vom Notbetrieb zum Regelbetrieb – gelesen und mich mit weit hochgezogenen Augenbrauen am Kopf gekratzt, wie das denn bitteschön gehen soll. Also nehmen wir es mal als vollständige Auflistung aller möglichen Sicherheitsmaßnahmen, deren Umsetzung in den Händen der Kommunen, Träger und Kitaleitungen liegt.

Kinder brauchen Körperkontakt und Mimik

Einigkeit besteht, dass Kinder unter drei Jahren keinen Mitarbeiter*innen mit Schutzmaske ausgesetzt werden sollen. Ich würde sagen, das wäre für alle Kinder im Kitabetrieb eine schwere Beeinträchtigung und Verunsicherung.

Wie können sich die pädagogischen Fachkräfte schützen, wenn sie selbst Angst vor Ansteckung haben? Wie gehen wir mit dem hohen Altersschnitt in der Berufsgruppe um? Ich habe wirklich Mühe, mir einen Regelbetrieb wie in der Zeit vor Corona überhaupt vorzustellen. Es gibt einfach keine Schutzkleidung für die Pädagoginnen; sie müssen die Arbeit mit ihren Risiken machen wollen.

Kinder brauchen Körperkontakt und ein offenes Gesicht, nicht nur wegen der Mimik und der ganzheitlichen Kommunikation. Auch lautere Sprache und stärkerer Ausdruck helfen nicht, wenn man eine Atemmaske trägt.

In der Stellungnahme der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (dakj) zu weiteren Einschränkungen der Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie mit dem neuen Coronavirus (SARS-CoV-2) wurde Folgendes geschrieben:

Kinder in Kindertagesstätten und Tagesbetreuungen

„Räumliche Distanz ist kaum einzuhalten und auch wenig sinnvoll – gerade für junge Kinder, die in der gemeinsamen Begegnung, dem gemeinsamen Lernen Bestätigung erhalten und Kompetenzen entwickeln. Dies betrifft in besonderer Weise Kinder ohne Geschwister.

Welche Auswirkungen hat der Lock-down auf die psychische Entwicklung?

Die abrupte Schließung der Einrichtung und wochenlange Kontaktsperre zu den Freunden und Erzieher*innen bedeutet einen unverstandenen und ggf. traumatischen Verlust von wichtigen Bindungspersonen. Viele Kinder und Familien besitzen nicht die Resilienz, um die Einschränkungen folgenlos zu überstehen. Die Betreuung zu Hause ist in vielen Familien mit engen räumlichen Wohnverhältnissen und geringen Anregungen sehr schwierig. Große Probleme haben auch die 22 % alleinerziehenden Eltern. Die Belastungen wiegen in sozial schwachen Familien besonders schwer und vergrößern die Risiken für eine gute Entwicklung von Kindern, sie erhöhen aber auch das Risiko, dass Kinder Vernachlässigung und Gewalt erfahren.“

Unter diesem Link finden Sie die Stellungnahme.

Kinder müssen in ihrer Entwicklung geschützt werden

Professor Christian Drosten, der Chefvirologe der Charité, hat aktuell in einer vorläufigen Studie herausgefunden, dass Kinder genauso wie Erwachsene Virusträger sind – also anzunehmen ist, dass sie von den Erwachsenen genauso angesteckt werden, wie sie anstecken können. Also muss ganz schnell das „Bild vom Kind“ korrigiert werden, dass es als „Überträger“ gefährdender als alle anderen hinstellt. Es muss aber nicht nur gesundheitlich, sondern auch in seiner ganzen natürlichen Entwicklung geschützt und unterstützt werden.

In der Stellungnahme der dakj wird deutlich gesagt, dass die Orientierung, wer in der Öffnungsphase einen Platz in der Kita bekommen soll, von den Bedürfnissen und Bedarfen der Kinder und nicht (nur) an den beruflichen Interessen der Eltern gemessen werden darf. Es könnte zu einer Art „pädagogische Triage“, werden, wer nach welchen Kriterien einen Platz bekommen darf.

Also sind die beiden wichtigsten Fragen:

Welche Kinder brauchen in der jeweiligen Phase am dringendsten einen Platz?

Und welche Mitarbeiter*innen sind willens und aus alters- und gesundheitlichen Gründen dazu in der Lage, sich auf die körperliche Nähe zu den Kindern einzulassen, um gemeinsam die neuen Hygienemaßnahmen fürs Leben zu lernen und in die Tat umzusetzen?

Die Kindertagesstätten müssen jetzt noch mehr leisten

Es steht viel Arbeit ins „Kita-Haus“, um neue und den jeweiligen Bedingungen angepasste Konzepte zu entwickeln. Auch Sie, liebe Eltern, werden viel Geduld, Wohlwollen und kommunikative Kreativität aufbringen müssen, um das mitzutragen.

Aber Sie möchten bestimmt nicht, dass um der alten Maximalbetreuung willen Ihre Kinder notwendigerweise von Menschen mit Masken betreut werden?

Also raus aus der Problemtrance, sich selber korrekt auf Abstand in der äußeren Welt halten, und im Vertrauen für die Kinder Sicherheit in Bindung und Nähe entstehen lassen.

Einen guten Artikel, wie Masken auf Babys wirken und ob wir sie im Umgang mit ihnen tragen sollten,finden Sie hier.


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