Veröffentlicht am Do., 7. Mai. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über gelingendes Familienleben im Corona-Modus und gibt Tipps für die Zeit zwischen Homeoffice und Kinder-Dauerbetreuung.

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Blinde Wut: Was kann ich tun, wenn ich eine Grenze überschritten haben?

Es gibt kein Gerede drumherum: Bei denjenigen, die keinen Kitaplatz in Anspruch nehmen können, Grundschulkinder im Haus haben und bis zum Sommer ohne Urlaub durchhalten müssen, liegen die Nerven zuweilen blank.

Eltern und Kinder im Universalhaushalt mit doppeltem Homeoffice, Schulaufgaben und Spielplatz sind höchstwahrscheinlich über die vergangenen Wochen mürbe geworden und rufen nach Lockerung der Maßnahmen zur Eindämmung einer unsichtbaren Bedrohung.

Eine größere Anzahl von Kindern darf jetzt wieder in die Kitas gehen und ältere Kinder in einem organisierten Maße in die Schulen. Trotzdem ist noch lange keine Betreuung und damit einhergehend Entlastung wie in Sicht, so wie es früher einmal war.

Auch viele Kinder sind entnervt – und verhalten sich anders als sonst

Nicht nur Eltern sind genervt, sondern auch die Kinder. Einige zeigen nach der Shutdown-Zeit Symptome wie z.B. Unruhe, Alpträume, besondere Anhänglichkeit, Einnässen, ängstliches oder aggressives Verhalten u.v.m. 

Falls es also zum Lagerkoller gekommen ist und die Aggressivität im häuslichen Rahmen gestiegen und vielleicht auch mal über das Maß hinausgeschossen sein sollte, wäre jetzt eine Phase der Wiedergutmachung dran. Wie eine Pandemie kann auch Aggressivität die Haushalte in Wellen heimsuchen.

Niemand ist schuld an der Situation, die Kinder schon gar nicht. Wenn die Kinder es an angepasstem Verhalten haben vermissen lassen, dann ist es auch nicht ihre Schuld, sondern das Ergebnis der Überforderungsreaktionen aller Beteiligten im Familiensystem.

Ich habe eine Grenze überschritten – kann ich das wiedergutmachen?

Was können Eltern also tun, wenn sie merken, dass ihre Kinder Verhaltensänderungen zeigen? Bei sich selbst Verhaltensänderungen vornehmen!

Es ist niemand sicher vor sich selbst. In Drucksituationen kann man auch den geliebten Kindern gegenüber Grenzen überschreiten. Und nein, die Kinder vergessen genauso wenig, wie man selbst vergessen konnte, wenn es einen erwischt hatte.

Es ist auch nicht möglich, sich selbst zu entschuldigen, sondern es ist nur möglich, um Entschuldigung zu bitten. Und dafür braucht es Angebote und sichtbare Zeichen. Einsicht, Reue, Wiedergutmachung. Wie geht das? Der erste Schritt beginnt im Inneren mit dem Eingeständnis der eigenen Überforderung, dem Zeigen echter Gefühle. Mit dieser Haltung den Menschen gegenüberzutreten, die man verletzt hat, und sie um Verzeihung zu bitten, ist ein großer Schritt. Die beschützende Zuwendung zu geben, die eigentlich nötig gewesen wäre, um das Kind zu beruhigen, kann jetzt mit etwas mehr Freiraum und Erkenntnis auch im Nachhinein psychischen Schaden begrenzen.

Einen Konflikt durchzustehen kann die Beziehung verbessern

Auf diese Art lernen auch die Kinder, dass es möglich ist, Fehler zu machen, und im Anschluss eine Chance auf Schadensbegrenzung und einen emotionalen Heilungsprozess zu haben. Häufig führt auch ein durchlebter Konflikt zu einem besseren Verhältnis, weil man gelernt hat, wie eine schwierige Situation zu überwinden ist. Wenn ein Kind spürt, dass es wieder so angenommen wird wie es ist, lassen meistens auch seine Symptome nach, weil es die nötige und richtige Aufmerksamkeit bekommt. Es braucht die Sicherheit in der Bindung.

Wenn die zweite Welle kommt, sind Sie vorbereitet!

Auch wenn wir im Moment extrem anstrengende Zeiten haben, deren Ende nicht abzusehen ist, gibt es immer eine Möglichkeit, die Selbststeuerung wiederzugewinnen. Vom Robert-Koch-Institut heißt es, dass eine zweite Infektionswelle mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist. Unser Gesundheitssystem sei aber sehr gut darauf vorbereitet; besser als bei der ersten Welle. Bei den überschießenden Reaktionen ist es genauso. Wenn bereits Erfahrungen gemacht wurden, wie der Haussegen wieder ins Lot kommt, wird es beim nächsten Mal leichter, den Verstand wieder in Kraft zu setzen und sich mit dem Partner/der Partnerin und den Kindern angemessen auseinanderzusetzen.  


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