Veröffentlicht am Mi., 20. Mai. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über gelingendes Familienleben im Corona-Modus und gibt Tipps für die Zeit zwischen Homeoffice und Kinder-Dauerbetreuung.

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BLOG 51

Über unsere innere Freiheit und den Tanz mit dem Tiger

„Der Seele Heimat ist der Sinn“ … sagte der Österreicher Viktor Frankl, für mich einer der herausragendsten Psychotherapeuten und Philosophen des letzten Jahrhunderts. Im Moment ist es eine Denkleistung, die Sinnhaftigkeit aller weiteren Maßnahmen in der Corona-Krisenbehandlung mitzutragen und mit den neuen sinnlichen Wahrnehmungen (Masken, Abstand, Anstehen etc.) zu leben, ohne die Gefahr konkret sinnlich wahrnehmen zu können. Einzig die mehr oder weniger vorhandenen Ängste vor einer Infektion helfen uns dabei, im Vertrauen den verordneten Maßnahmen Folge zu leisten.

Regeln, Regeln, Regeln – und doch haben wir die Freiheit

Die Erleichterung über die Öffnung von Arbeitsbereichen, Geschäften und nun auch Restaurants, ist gerade um diese Jahreszeit den meisten anzumerken. Obwohl im Straßenbild jetzt eine Erinnerung an eine ehemalige Normalität aufkommt, ist in den Kitas und Schulen weiterhin eine eher gespenstisch wirkende Anweisungsarie für alle Beteiligten zu durchlaufen.

Frankl spricht von der Therapie als „Sinnentdeckungshilfe“, um mit der „Trotzmacht des Geistes“ umgehen zu lernen. Genau das brauchen wir jetzt auch. Frankl hat mehrere Konzentrationslager überlebt und darin eine Haltung entwickelt und bewahrt, dass man unter allen, auch grausamen und nicht zu beeinflussenden Bedingungen, seine innere persönliche Freiheit und Würde behalten kann – je nachdem, wie man sich dazu verhält. „Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen.“ Aber die persönliche Freiheit endet da, wo die Freiheit des anderen beginnt. Also müssen wir aufeinander aufpassen.

Die Gefahr mindern: Raus an die frische Luft!

Nachdem ich fleißig die neuesten Podcasts von Professor Drosten gehört und alles zu Covid-19 aufgenommen habe, was mir vor die Flinte kam, habe ich heute folgende Gedanken für Kitas und  Eltern beizusteuern:

Die größte Ansteckungsgefahr besteht in geschlossenen Räumen ohne Windzug, weil sich die Viren in den Aerosolen, die kleiner und leichter sind als die Tröpfchen, längere Zeit in der Luft schwebend halten können. Je weniger Viren man abkriegt, selbst bei einer Infektion, desto besser für einen leichten Verlauf einer Erkrankung. Schmierinfektionen über Gegenstände sind wahrscheinlich seltener Verursacher, als man bisher gedacht hat. Was heißt das für unsere Bildungseinrichtungen? Raus an die frische Luft! Als Kitaberaterin habe ich immer wieder vertreten, dass der Außenbereich, der nächste Spielplatz, Park oder Wald viel mehr als pädagogischer Raum genutzt werden sollte, soweit es das Wetter irgendwie zulässt.

Draußen finden Kinder fast alles, was sie zum Lernen brauchen

Alles was Kinder brauchen, um zählen zu lernen, naturwissenschaftliche Forschung zu betreiben, Phänomene mit Worten beschreiben zu lernen, Gruppenregeln einzuhalten, sich psychomotorisch zu bewegen, Märchen zu spielen, laut zu singen und künstlerisch mit Objekten zu arbeiten, gibt es draußen!

Ich entsinne mich meiner Lehrerausbildung, als ich in einer zweiten Klasse in Mathematik 24 Kindern die Einführung in die Multiplikation mit bunten Stäbchen beibringen sollte. Wir quälten uns alle damit, woraufhin ich kurzentschlossen mit der Truppe auf den Schulhof ging, sie erstmal eine Runde rennen ließ und dann in Gruppen aufstellte, um ihnen auf diesem Weg ein Gefühl für die Multiplikation zu vermitteln. Ich war ganz stolz auf meine geniale Idee, bekam aber großen Ärger, weil ich Mathematik und nicht Turnen unterrichten sollte. (Das war schon der Anfang vom Ende meiner Entscheidung, in den Schuldienst zu gehen.)

Es gibt draußen viel mehr Platz für alle, als man denkt. Gleichzeitig können sich auch die Kita-Mitarbeiter*innen, die eine größere Angst vor einer Ansteckung haben, draußen sicherer fühlen. Man kann auch einen „Marktporsche“ – also einen Handwagen – mit Essen füllen und draußen Picknick machen.

Kinder können lernen, dass Abstand wichtig ist

Das Abstandhalten werden Kinder für die Zukunft generell lernen müssen. Mit Seilen lässt sich der persönliche Freiheitsraum wunderbar kennzeichnen. So wird Kindern bewusst, dass in manchen Zusammenhängen, in Geschäften und Restaurants bei Begegnungen der Respekt fordert, den Kreis anderer Menschen möglichst nicht zu betreten, oder eine Maske zu tragen. Kinder können das verstehen und über die positiv vermittelte Sinnhaftigkeit diese notwendigen Umgangsformen erlernen, ohne Ängste entwickeln zu müssen.

Wenn die Prognosen eintreffen, werden wir bis zum Sommer 2021 mit diesen erschwerten Bedingungen leben müssen. Da lohnt es sich, mit positiver Konnotation die neue Körpersprache gemeinsam spielerisch zu erfassen. Die Virologen sagen, nach dem „Hammer“ (Lockdown) kommt jetzt der „Tanz mit dem Tiger“ (Spiel mit Nähe und Distanz). Aus dem Bild kann man gleich ein Spiel und eine Geschichte machen. Eine bessere Vorbereitung auf die Zeit in der Schule kann ich mir kaum vorstellen, als mit den größeren Kindern jetzt die nötige Eigenverantwortlichkeit einzuüben.

„Nur eines ist gewiss, nichts bleibt wie es ist.“ (Erich Kästner)     


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