Veröffentlicht am Fr., 29. Mai. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über gelingendes Familienleben im Corona-Modus und gibt Tipps für die Zeit zwischen Homeoffice und Kinder-Dauerbetreuung.

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BLOG 57

„Menschliches und Allzumenschliches“ – vom Vergeben

Diesen Titel einer philosophischen Schrift von Friedrich Nietzsche aus dem Jahre 1878 habe ich oft im Sinn, wenn ich menschliches „Fehlverhalten“ erlebe. Heute habe ich einen ganz wichtigen Termin verpeilt und dadurch wiederholt dieselben Kolleginnen enttäuscht. Es beschäftigt mich die ganze Zeit, weil ich mich für mein Versagen in Grund und Boden schäme. Ich bin so in meine Blog-Schreiberei und Beratungsgespräche vertieft, dass ich manchmal nicht mehr rechtzeitig in den Kalender schaue.

Das war ein ‚unverzeihlicher‘ Fehler, weil es ohnehin eine grundsätzliche Schwäche von mir ist, so in der Gegenwart zu stecken und festzuhängen, dass ich die große Zeitübersicht aus dem Auge verliere.

Ein Verhalten ist manchmal gar nicht so gemeint, wie es bei anderen ankommt

„Der Wanderer und sein Schatten“ ist ein anderer schöner Titel einer Aphorismensammlung von 1880. Der Schatten folgt jedem unwiderruflich, und man muss sich mit ihm anfreunden.

Wieso schreibe ich das? Weil wir auf einer anderen Ebene gerade viel Gelegenheit haben, in den Medien zu lesen und in der Realität zu studieren, dass manche Verordnungen, Verbote und deren Konsequenzen vielleicht gut gemeint sind, um die Pandemie endgültig an den Rand zu drängen, aber zu einem viel zu hohen Preis der Allgemeinheit. Obendrein gibt es unterschiedliche Auffassungen über Sinn und Unsinn einzelner Maßnahmen, gerade, wenn sie Kitas und Schulen betreffen. Niemand weiß genau, was richtig ist; aber war es deshalb von den Initiatoren falsch gedacht?

Jetzt kann ich mich über Dinge, die mich nerven, aufregen und Andersdenkende als Gegner sehen, oder ich kann akzeptieren, dass jede*r nur das tun kann, was aus seiner/ihrer Perspektive denkbar ist. Das trifft auf Politiker und Wissenschaftler genauso zu wie auf Kinder und einen selbst (von vorsätzlichem Betrug und Manipulation mal abgesehen).

Sich in andere hineinversetzen und ihre Emotionen verstehen

Was man von Kindern hervorragend lernen kann, ist der Perspektivwechsel! Die können das noch, wie man an ihren Rollenspielen sieht: Sie wechseln die Positionen mühelos und lernen dadurch, unterschiedliche Interessen zu formulieren. ‚Gut und Böse‘ werden ausprobiert und meistens in ein Zusammenspiel gebracht. – Wieso verlernen wir das eigentlich mit der Zeit?

Ich schlage vor, dass Sie es mit Ihren Kindern – wenn sie denn in dem entsprechenden Alter sind – mal wieder antesten und üben, die Seiten zu wechseln. Mit den Augen des Kindes zu schauen, den fröhlichen, den traurigen, den wütenden; oder aus der Sicht der Lehrerin, der Erzieher*in, Partner*in oder anderen Leuten.

Es erhellt das manchmal Allzumenschliche von innen und ermöglicht es, Verhaltensweisen des anderen zu erkennen, zu verstehen die einen (vielleicht völlig zu Recht)auf die Palme bringen können – und am Ende zu verzeihen. Laut der Psychoanalytikerin Alice Miller gehört es dazu, den Ärger zuzulassen und (sozialverträglich) durch den Zorn hindurchzugehen, um dann diese Gefühle loslassen und wie von selbst vergeben zu können.

Den Menschen so nehmen, wie er ist – mit all seinen Fehlern

Das war jetzt mein Versuch der Selbstberuhigung, damit ich mir meine Schwäche von heute doch noch vor dem Schlafengehen wenigstens halbwegs vergeben kann. Unter Belastungen wird der Schatten immer länger und verzerrt, weil niemand perfekt ist, immer richtig liegt, manchmal auch ignorant und nicht voller Rücksicht oder viel zu vorsichtig ist. Wie auch immer – haben Sie sich selbst lieb und gestatten Sie sich und anderen, unvollkommen zu sein. Fehler sind das Ergebnis von Versuch und Irrtum, und deshalb Lernschritte. Ohne sie gäbe es weder Wissenschaft noch das Menschliche. Wenn wir sie zugeben.

Grusel, grusel, Schattentanz,
ich hab vor Dir keine Angst;
denn ein Schatten ist in Wirklichkeit
die Vergrößerung einer Winzigkeit!“

(aus: Spielen und Lernen, Musik-CD; rhythmisch sprechen und dabei aufstampfen)


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