Veröffentlicht am Do., 4. Jun. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über gelingendes Familienleben im Corona-Modus und gibt Tipps für die Zeit zwischen Homeoffice und Kinder-Dauerbetreuung.

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BLOG 60

Entspannt spielen: Das Leben kann so schön sein

Der Blick aus sämtlichen Fenstern meiner Wohnung richtet sich auf einen großen, sehr schönen Spielplatz. Es ist leider eine ziemlich kalte Nord-Wohnung, aber der weite Blick in diese sonnenbeschienene verspielte Offenheit gleicht vieles aus.

An Tagen, an denen ich die Möglichkeit hatte, tagsüber aus dem Fenster zu gucken, habe ich viele Studien betreiben können: über Eltern und Großeltern im Umgang mit Kindern, Tagesmütter und Erzieher*innen mit Gruppen unterschiedlichen Alters usw. Ich muss zugeben, dass ich aus diesen Beobachtungen viele meiner Erkenntnisse über Pädagogik gezogen und meine Erkenntnisse an den Beobachtungen überprüft habe.

Wer im Kommandoton ruft, bekommt oft auch entsprechende Resonanz

An den Spielgeräuschen der Kinder kann ich – ohne hinzusehen – häufig die Einstellung und das Verhalten der begleitenden Erwachsenen „abhören“. Wenn sich die Kinder anstrengen müssen, um Aufmerksamkeit zu bekommen, sind sie lauter und angespannter, müssen manchmal einen Grund zum Weinen finden. Und manche Erzieherin, die schon im Kommandoton rufend ihre kleine Herde auf den Spielplatz geleitet, bekommt entsprechende Resonanz.

Easy going: Man kann auch entspannt miteinander spielen

Heute war in dieser Hinsicht ein schöner Tag. Ich stehe am Küchenfenster mit meinem Grünen Tee in der Hand und sehe zu, wie ein Vater mit seinen drei Kindern spielt (wenn es denn alle seine waren): zwei Mädchen und ein Junge, alle drei etwa zwischen 4 und 7 Jahren alt. Sie stellen auf der Bank eine große Tasche mit Spielsachen, Federballschlägern, einem Seil und Proviant ab und verstreuen sich an die Spielgeräte.

Es gibt vielfältig-anspruchsvolles Spielgerät aus Holz und einen Bereich für die Kleineren mit einer Lokomotive. Der Vater ist nicht mehr ganz jung, wirkt sehr entspannt. Nacheinander spielt er mit den einzelnen Kindern oder sie mit ihm, mit dem größeren Mädchen Federball, mit dem kleineren Springseil, indem das Seil mit einem Ende an den Zaun gebunden wird, und geduldig dreht er rhythmisch das Springseil, bis das Mädchen völlig erschöpft zu Ende gehopst hat. Dann sehe ich, wie sie sich an der Lokomotive miteinander ausruhen und ein bisschen kuscheln.

Überhaupt sehe ich in der ganzen ‚Corona-Zeit‘ viel mehr Väter als früher. Sie verhalten sich anders, irgendwie cooler, rennen nicht so schnell hin, wenn ein Kind weint. Einmal mehr denke ich, dass Kinder die tieferen Stimmen und anderen Bewegungen ihrer männlichen Bindungspersonen brauchen.  

Einige Zeit später schaue ich wieder raus und sehe den Vater auf dem Klettergerüst balancieren und mit dem Jungen rumturnen. Ab und zu tauschen sie ganz nebenbei zärtliche Gesten aus, und dann macht wieder jeder, wozu er Lust hat. Es sieht für mich so aus, als hätten sie vorher vereinbart, dass sie zusammen spielen gehen und sich alle aufeinander und den Spielplatz mit seinen Bedingungen einlassen.

Erst nach einigen Stunden sehe ich, wie er die Tasche schultert und sie – alle ein bisschen müde – zusammen nach Hause ziehen. ‚Easy going‘ fällt mir ein; jeder für sich, jeder für jeden. Mir fiel auf, dass der Mann kein einziges Mal telefoniert oder in ein Handy geschaut hat, jedenfalls, während ich hingeschaut habe. Das Ende der Spielzeit ist ganz natürlich.

Der Nachspann war, dass ein anderes Elternpaar, das bis dahin etwas verhalten auf der Bank gesessen und den Kindern nur zugeschaut hatte, plötzlich auch in Bewegung kam. Der Vater setzte sich etwas unsicher auf die Schaukel; man merkte, dass ihm das fremd war; aber er schaukelte zur Freude seiner Tochter mit. – Da hat wohl wieder mal etwas ansteckend gewirkt.


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