Veröffentlicht am Mo., 15. Jun. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über ein gelingendes Familienleben im Corona-Modus.

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BLOG 67

Betreuung in der Kita: Weshalb diese Normalität nicht normal ist

Heute habe ich die neuesten Schreiben vom Senat vom 10.06.2020 gelesen, was die Kitas zu leisten haben, wenn sie wieder auf Normalbetrieb gehen, und was den Eltern in diesem Zusammenhang mitgeteilt wurde. – Ich habe laut gelacht, obwohl es zum Heulen ist!  

Ja, es ist richtig, dass die Kinder so schnell wie möglich wieder „normale“ Tagesbetreuung im vollständig genehmigten Umfang erhalten sollen.  

Bitte verzeihen Sie mir den jetzt sachlich begründeten, aber emotionalen Kommentar, den ich bei allem Respekt vor bemühten Politiker*innen und Beamten loswerden muss. Ich halte es für kurzsichtig, diese Chance, die die Corona-Krise bietet, nicht für einen Strukturwandel im Bildungsbereich unseres Landes zu nutzen. 

Aus dem Senatsschreiben an die Eltern:  

„Der Prozess der Öffnung wird die Träger und Einrichtungen vor große organisatorische Herausforderungen stellen, insbesondere da aktuell nicht alle Erzieherinnen und Erzieher zur Verfügung stehen. Wir bitten Sie deshalb, sich eng mit ihren Einrichtungen über die konkrete Ausgestaltung der Betreuung abzustimmen und nach konkreten Lösungen unter Beachtung der wechselseitigen Erfordernisse zu suchen. Nur durch ein fortgesetztes solidarisches Miteinander kann dieser Prozess der Öffnung gelingen.“  

Aus dem Schreiben an die Kita-Träger:  

„Uns ist bewusst, dass dies hohe Anforderungen an die Organisation des Kitabetriebs stellt und nicht alles und nicht in jedem Fall von Ihnen uneingeschränkt umgesetzt werden kann. Insoweit wird von einer Übergangsphase ausgegangen, nach der wieder eine stabile Betreuungssituation gewährleistet werden kann.  

Um dies zu ermöglichen, bleiben die unter den Bedingungen der Eindämmungsverordnung im 14. Trägerschreiben enthaltenen Öffnungsklauseln hinsichtlich des Personaleinsatzes von Nicht-Fachkräften zur Absicherung des Betriebs bestehen.“ (Es folgt die Aufzählung, wer jetzt in der Kita arbeiten und unterstützen darf.)  

Zum Personalmangel

Es ist zu erwarten, dass es aufgrund von Personalengpässen in Kitas Schwierigkeiten geben wird. In diesen Fällen empfehlen wir, auch hier zunächst das Gespräch mit den Eltern zu suchen und mit diesen Lösungsmöglichkeiten zu erörtern.  

Wie soll denn irgendetwas gewährleistet werden? Es heißt nichts anderes als „Seht zu, wie Ihr klarkommt!“ Wie sollen die Mitarbeiter*innen in den Kitas das schaffen, wenn in voller Anzahl anwesende, bereits irritierte Kinder Nähe und Begleitung brauchen? Solidarität einfordern und selbst die Probleme nach unten abschieben, scheint die Devise zu sein. Dies ist nicht allein dem Berliner Senat anzulasten, sondern der gesamten Bundespolitik.  

Mit 300 Euro Kinderbonus hätte man strukturell schon einiges verändern können  

Es gäbe eine einzige Bedingung, unter der diese Äußerungen noch als anständig gelten könnten: Nämlich, dass ein bundesweites Investitionsprogramm im Rahmen eines Paradigmenwechsels in der Bildungspolitik auf den Weg gebracht würde.  

Wenn alles dafür getan würde, dass der Fachkräftemangel durch Anreize und Motivation für diese Berufswahl behoben und bereits in einigen Jahren Früchte tragen würde, könnte man sagen: „Haltet durch Leute, wir schaffen das! Unser Land, unsere Wirtschaft, unsere Wissenschaft ist uns so viel wert, dass wir durchaus bereit sind, auf bestimmte Wirtschaftsinvestitionen und kurzfristige Konsumankurbelung zugunsten einer längerfristigen Strategie zu verzichten.“  

Eine breite Aufklärungsoffensive mit guter Information und Zukunftsberechnung könnte Eltern, ja die ganze Bevölkerung, dafür gewinnen, denke ich. Was hätte man allein mit diesen 300 Euro pro Kind alles strukturell verändern können? (Nebenbei bemerkt wird indirekt über die Einkommenssteuer der Besserverdienenden wieder etwas davon zurückgeholt.)  

Die Notbetreuung hat gezeigt, wie es anders gehen kann  

Niemand fragt, wie es den Kindern, Eltern, Mitarbeiter*innen und Trägern geht, unter diesen Bedingungen „Normalität“ herzustellen. Das hat mit Corona herzlich wenig zu tun; aber die Corona-Krise hat für kurze Zeit ein Fenster geöffnet. Durch dieses Fenster konnte man sehen, dass es den Kindern in der Notbetreuung in kleinen Gruppen gut ging, dass sogenannte auffällige Kinder die Ruhe genossen und wieder Anschluss gefunden haben.  

Ich höre in den Elternberatungen, dass Kinder irritiert sind, seit die Gruppen wieder größer werden, die Betreuungspersonen und Gruppen wechseln müssen, dass Hektik aufkommt, weil fast täglich neue Anweisungen zu erfüllen sind. – Wer soll diesen Beruf in Zukunft ergreifen wollen?  

Wie töricht kann man sein, diese Corona-Chance nicht für einen echten Neustart genutzt zu haben? Kinderfreundliche und bildungsorientierte Politiker*innen, wo seid ihr? Habt ihr keinen Mumm, diese Auseinandersetzung endlich zu führen?  

Treten Sie für eine bessere Bildung Ihrer Kinder ein!  

Ich will Sie mit meinem Ärger nicht hängenlassen, aber auch nichts schönreden. Meine Hinweise auf Helfernetze innerhalb der Familie und private soziale Gemeinschaft auch mit anderen bekannten Eltern geben Ihnen hoffentlich Anregung, auf die nicht zu gewährleistende Gewährleistung vorbereitet zu sein. Niemand muss ‚Opfer‘ sein, wenn er sich nicht dazu machen lässt.  

Geben Sie Ihrer Elternschaft generell wieder mehr Raum im Leben und treten Sie für die Rechte Ihrer Kinder auf Sicherheit, Geborgenheit und gute Bildung in bedürfnisorientierten und vielfältigen pädagogischen Konzepten ein! Nur Sie können das von der Basis aus bewirken.


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Kategorien Elternberatung