Veröffentlicht am Do., 18. Jun. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über ein gelingendes Familienleben im Corona-Modus.

Laden Sie diesen Text hier als pdf herunter.


BLOG 70

„Rabaukenkinder“ und „Klassenkasper“ – aus einer anderen Perspektive betrachtet

Ich habe in meinen letzten Blogs immer wieder dafür plädiert, Helfernetzwerke für einzelne Kinder und deren überforderte Eltern – oder anders: für überforderte Eltern und deren Kinder zu gründen. Manche Kinder sind einfach anstrengend. Leider werden sie irgendwann auch nicht mehr zu Geburtstagen eingeladen, haben keine echten Freunde und erfahren durch ihre Art, auf sich aufmerksam zu machen, eine „verhaltensorientierte Gentrifizierung“ an den Rand der Gruppe in einer Tagesbetreuung.

Manche Kinder sprengen jede Veranstaltung – aber warum?

Ich erinnere mich an einen Jungen in meiner Grundschulklasse (ich war nie in einer Kita oder einem Hort), das nach meinem Wissen einzige Scheidungskind. Er sah ganz niedlich aus, gab aber den Klassenkasper, konnte nicht stillsitzen und nervte ohne Ende. Die Mutter war eine einfache, liebe Frau, die ihrem Kind wenig entgegenzusetzen hatte. Meine Mutter mochte sie, also kam Thomas zu meinen Kindergeburtstagen, und auch sonst manchmal – und sprengte wirklich alles.

Es gab ein einziges Spiel, das mit ihm gut ging. Meine Eltern hatten erst kurz vor meiner Einschulung geheiratet, sodass sich noch ein kleiner Brautschleier unter meinen Spielutensilien befand. Wir spielten häufig ziemlich kurz Hochzeit (er gefiel mir ja auch irgendwie), und anschließend wurde ausgiebig „Scheidung“ gespielt. Da war er total ruhig und konzentriert, vermutlich, weil es sein Thema war.

Flucht ist keine Lösung – ein Perspektivwechsel kann helfen

Stellen Sie sich ein Kind im Umfeld Ihres Kindes vor, das unkontrolliert agiert, sodass Sie schon überlegt haben, mit Ihrem Kind die Einrichtung zu wechseln, weil es schon Albträume und Angst vor diesem anderen Kind hat. Flucht ist leider keine sichere Lösung, weil diese kleinen „Querschläger*innen überall auftauchen können und die Aufmerksamkeit auf ihre Weise einfordern. Außerdem ist es wichtig, damit umgehen zu lernen, denn es begegnen einem im Laufe des Lebens immer wieder Menschen, die einen ängstigen und nervlich fertigmachen können. Welche Alternativen gibt es also?

Stellen Sie sich ein konkretes Kind vor und machen Sie einen inneren Rollentausch. Wie fühle ich mich in der Gruppe? Wie viel Sicherheit spüre ich? Warum spielt niemand mit mir? Ob mich überhaupt jemals jemand gernhat?

Als ein solches Kind stelle ich mir meinen Zustand wie auf einem Schiff vor, das ständig in Bewegung ist und keinen sicheren Halt bietet. Es weiß nicht, wie man die „Übelkeit in sich“ loswerden kann.

Dazugehören – ein wohliges Gefühl

Wie wäre es, diesem Kind bewusst Inseln der Zuwendung als sicheren Boden anzubieten? Ich fantasiere gerade, wie es wäre, wenn sich eine Elterngruppe absprechen und das Kind nicht immer weiter für sein inakzeptables Verhalten ausgrenzen, sondern nacheinander ab und an zu sich einladen würde. Das würde diesem Kind die Chance geben, Ihnen und Ihrem Kind außerhalb einer Einrichtung wie der Kita zu begegnen.

Jedes Beisammensein kann zu einem Gefühl von Zugehörigkeit führen. Forscher haben festgestellt, dass schon gemeinsames Essen das Glückshormon Oxytocin freisetzen kann. Manche Kinder haben wenig Gelegenheit, diesen Botenstoff für schöne Gefühle zu produzieren.

Ich mache mir gerade in diesen Zeiten viele Gedanken, was wir heute tun können, damit manche Kinder, die einfach mehr Co-Regulation brauchen, besser integriert werden können. So müssen sie später (wenn sie selbst „groß und stark“ sind) nicht aus der Ecke heraus zurückschlagen, in die sie sich jahrelang gedrängt gefühlt und ausgegrenzt haben.  

Vielleicht hilft diese Art zu denken ja, nicht nur über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, sondern auch das zu teilen, was auf dem Teller drauf ist. Einen Versuch wäre es wert! Was das mit Corona zu tun hat? Unsoziales Verhalten ist ansteckend, und soziales auch!


Sie haben eine Frage oder möchten sich beraten lassen? Schreiben Sie mir eine Mail an rohrbach@cw-evangelisch.de. Ich melde mich unmittelbar zurück und wir vereinbaren einen Termin für ein Telefonat oder einen Skype-Videocall. Das Angebot ist kostenfrei.

Liebe Leserin, lieber Leser: Ich freue mich über jede Rückmeldung! Wer ein Wunschthema, positive Resonanz oder kritische Anmerkungen hat, darf sie mir gerne schicken.

Kategorien Elternberatung