Veröffentlicht am Fr., 19. Jun. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über ein gelingendes Familienleben im Corona-Modus.

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BLOG 71

In allen Menschen steckt Gott – manchmal muss man ihn nur sehr lange suchen

Im vorigen Blog schrieb ich über das inklusive Denken im Umgang mit Kindern und all ihren auch nervigen Besonderheiten. Ich schicke meine Texte zur „Begutachtung“ auch an meine langjährigste Freundin, die seit Jahrzehnten in Norwegen lebt. Folgende Geschichte über ihren Sohn erhielt ich heute Morgen als Kommentar zurück: 

„Bei uns, in Håkons Schule, war es so, dass jedes Kind einzelne oder kleine Gruppen anderer Kinder – mit der Zeit alle – zu sich einladen musste (1. Klasse). So haben sich auch die Eltern kennengelernt. War wunderbar!  

In Håkon's Schule in Stavanger, 2. Klasse, gab es "das Kind der Woche" – jede Woche, bis alle dran waren. Alle Kinder mussten zu einem Kind eine Woche lang ganz besonders nett sein, helfen, ein liebes Bild malen oder einen Text schreiben. All das wurde in ein Heft geklebt, gesammelt und dem "Kind der Woche" übergeben. Der Lehrer hat es dann vorgelesen. Håkon hat das Heft heute noch.“  

Jeder noch so schwierige Mensch hat wahrscheinlich auch liebenswerte Seiten 

Es gibt kein Kind, keinen Menschen, der nicht auch liebenswerte Seiten hat. Oder wie ein südafrikanischer Mediationslehrer, ein Quäker, in meiner Ausbildung damals sagte: „In jedem Menschen ist Gott; nur manchmal muss man sehr lange wühlen, bis man ihn findet.“  

Nun weiß ich ja, was aus Håkon geworden ist und wie er mit seinen beiden Töchtern umgeht – ich würde sagen ‚verantwortlich und lässig‘. Ich möchte deshalb auf das Thema „soziales Netzwerken“ noch einmal Bezug nehmen, weil ich es für zentral in Bezug auf alles halte. Wer die politische Entwicklung nach rechts, die Herabwürdigung von Angehörigen anderer Ethnien, Kulturen und Religionen nicht möchte, sollte meiner Meinung nach im eigenen Umfeld anfangen.  

„Wir sind nicht so“ oder „Das betrifft uns nicht“ gibt es nicht. Wir alle haben tagtäglich inner-und außerhalb unserer privaten und beruflichen Kreise damit zu kämpfen, trotz der Begegnung mit aggressiven und unangepassten Verhaltensweisen die „Gleichwürdigkeit“ aller Menschen im Geiste zu bewahren (ich nehme mich da ganz und gar nicht aus).  

Gerade Kinder können fürs Leben in die komplett falsche Richtung geschickt werden, wenn ihnen keine Stationen angeboten werden, innezuhalten, sich vielleicht auch an anderen Vorbildern zu orientieren als an den eigenen Eltern, Familien- und Clanmitgliedern. Diese „anderen“ freundlichen Umgangsweisen, die ihnen aufrichtig entgegengebracht werden, bleiben im Gedächtnis haften und können ihre Wirkung auch erst zu einem viel späteren Zeitpunkt entfalten. Eltern bleiben immer die wichtigsten Wertevertreter und sollten die Vermittlung auch nicht allein den bis an die Grenzen geforderten Erzieher*innen und Lehrer*innen überlassen – die sind nämlich auch nur Menschen. Wir bleiben immer mit im Boot der sozialen Verantwortung.  

Kinder haben keine Vorurteile. Sie haben höchstens schon die der Erwachsenen übernommen, weil sie so neugierig sind. Sie möchten viel wissen, können, gewinnen, auch teilen. Und sie brauchen dafür ein eigenes, gesundes und stabiles Wertesystem für ihre Zukunft. Falls Sie sich dafür interessieren, haben Sie hier zum Stöbern einen Link zu einer großen Auswahl an Kinderbüchern über Vorurteile:  

https://www.pinterest.de/juliliest/bücher-gegen-vorurteile/  

Das Familienleben in Corona-Zeiten wird gesamtgesellschaftlich nicht so bald enden, denn es wird keinen Impfstoff gegen die sozialen und wirtschaftlichen Folgen und keine App für die Identifikation von Ungerechtigkeiten geben, die einen schützt. – Bleiben Sie freundlich!


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