Veröffentlicht am Mi., 24. Jun. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über ein gelingendes Familienleben im Corona-Modus.

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BLOG 74

Ein Ort, an dem Kinder Platz haben – alles nur geträumt?

Heute muss ich ganz von meinem Traum schreiben. Die Vorgeschichte: Ich wohne ja mit Ausblick auf einen Spielplatz aus allen Fenstern. Natürlich bin ich zu einer Art Voyeurin geworden, das lässt sich in Zeiten von Homeoffice gar nicht vermeiden.

Fast täglich kommt nachmittags ein Vater mit seinem Sohn, der zwischen 1,5 und maximal 2 Jahre alt ist. Papa ist von oben bis unten tätowiert und sieht aus wie ein Wikinger ohne Haare. Wenn es den Wettbewerb gäbe, bekäme er von mir sofort die Auszeichnung „Zärtlichster Papa in Corona-Zeiten“. Ich habe ihn zudem noch nie mit dem Handy in der Hand gesehen!  

Der Vater unterhält sich mit den Eltern eines etwa gleichaltrigen Mädchens; die Kinder sind auch sehr interessiert aneinander. Der Junge läuft zu dem etwas entfernteren großen Klettergerüst und kämpft sich an der Seite am Netz hoch. Papa bleibt stehen, schaut, aber rührt sich nicht. Schließlich ruft der Junge und Papa schlendert hin, hilft ihm durch Anwesenheit und leichte Stütze. Der Kleine hatte es nicht geschafft, wieder runterzukommen.

Das Mädchen läuft nun auch auf das Klettergerüst zu. Ich wette mit mir selbst und gewinne: Die Mutter geht sofort hinterher. Das Mädchen traut sich nicht, an dem Netz hochzuklettern.

Nun kommt mein futuristischer Traum, kurz vor dem Aufwachen, mit Ingredienzen aus meiner ganzen Berufsgeschichte:

Eine Gruppe von Leuten, die ich im Traum aus verschiedenen Zusammenhängen und Zeiten kannte, zeigte mir stolz ihr neues Kinder- und Jugendzentrum. Es war ein großes Areal, das wie eine Burg im Viereck mit Innenhof gebaut und in verschiedene Bereiche eingeteilt war, die ineinander übergingen. Im Innenhof war ein großer Spiel-Dschungel.

Der Bereich für die kleinen Kinder hatte Pyramiden aus einem festen, aber nachgiebigen Material, an denen sie weit nach oben klettern konnten. Es gab Mulden, Tunnel und an einer Wand terrassenförmig angebrachte Balkone, die alle weich mit diesem natürlichen, nachgiebigen, aber festen Material ausgepolstert waren. Ich sah, wie Kinder von oben auf den jeweils nächsten Balkon wie in einem Hollywood-Film heruntersprangen und unten in eine Kuhle rollten. Die Kinder waren alle total geschickt und wussten, wie man fällt, ohne sich zu verletzen. Das hatten sie alle gelernt.

Die Bereiche gingen ineinander bis zu einer natürlich aussehenden Kletterwand über, mit immer höheren Anforderungen an die Geschicklichkeit je nach Alter. Die Akustik war durch das Material gedämpft.

Wer genug hatte, konnte sich in die hinteren gegliederten Räumlichkeiten zurückziehen. Es gab Lernbereiche zum Ausruhen, für konzentrierte Tätigkeiten, Kuppelräume für kleinere Gemeinschaften mit Sitzgruppen. (Ich hatte früher ein Faible für Adobe-Häuser, also aus Lehm geformte Unterkünfte, die man modellieren kann, wie man sie haben will.)

Es gab keine Türen, nur Übergänge zwischen in sich geschlossenen Einheiten, die verschiedene geometrische Formen hatten. Die Erwachsenen hatten sich entspannt verteilt, gaben Hilfestellungen oder Anregungen. Zwischendrin waren ältere Kinder, die Freude daran hatten, mit den Kleinen zu spielen und sie herauszufordern. Ich sah, wie eine Betreuerin – natürlich wie alle in lockerer Sportkleidung – mit einer kleinen Horde Kinder wie eine Entenmutter durch die Gegend zog und dann in einer größeren flachen Kuhle mit ihnen „Kullern“ übte. Alles war friedlich, alle Kinder befanden sich in einer kontinuierlichen geschmeidigen Bewegung in unterschiedlichen Spielen.

Ich hätte gerne weitergeträumt, aber ich war einfach ausgeschlafen und setzte mich sofort zum Aufschreiben hin. Ich könnte das jetzt unendlich weiterspinnen, weil ich im Traum ja nicht überall rumgekommen war.

Ich bleibe dabei, dass Kindern das alles auch im wirklichen Leben zustünde: Gute, moderne Materialien, viel Platz, keine „Käfighaltung“, kompetente und vor allem gut bezahlte Leute, die den Kindern das vermitteln, was sie für den Erhalt ihrer Lebens- und Bewegungsfreude und Kreativität brauchen. Dann hätten wir eine gute Zukunft!


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