Veröffentlicht am Do., 25. Jun. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über ein gelingendes Familienleben im Corona-Modus.

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BLOG 75

Das geheime Leben der Bäume …  

…ist gar nicht so geheim. Ich habe mich ja schon als Natur- und im Besonderen als Wald-Fan geoutet. Meine norwegische Freundin hatte mir zum Geburtstag das bereits hier erwähnte Buch von Peter Wohlleben geschenkt. In der vergangenen Woche war ich im Freiluftkino Rehberge und habe mir die Dokumentation dazu angeschaut. Das war besonders toll, weil der Waldgeruch und die passenden Geräusche um mich herum mit der Eindrücken von der Kinoleinwand verschmolzen.  

Am Abend darauf zog es mich abends wieder auf eine Waldrunde, und ich machte eine wundervolle Erfahrung: Auf einer Strecke, die ich eigentlich innen- und auswendig kenne, nahm ich ganz andere Sachen wahr als sonst. Ich sah plötzlich die Bäume in ihren Geschwister- und Familienkonstellationen. Dicht neben einem scheinbar abgestorbenen Baumstumpf befanden sich jüngere Bäume der gleichen Art, die nach oben strebten. Ich sah Stämme, die sich teilten und weiter oben wieder zusammenwuchsen, nah beieinander stehende hohe Bäume unterschiedlicher Art, deren Kronen sich nicht ins Gehege kamen.  

Neues wahrnehmen auf alten Wegen  

Ich nahm auch den Unterschied zwischen dem wild gewachsenen Wald (auch wenn es längst kein „Ur-Wald“ mehr ist) und den Solitären wahr, die einzeln an den Straßenrändern vor ewigen Zeiten gepflanzt wurden. Ich erkannte Gesichter in ihren wettergegerbten Rinden wie bei alten Indianern. Ich freue mich in so einem Moment über meine gute Handykamera und genieße es, Fotos nach meiner fokussierten Wahrnehmung zu machen.  

Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann würde ich diese Touren gerne mit einer Schar Enkelkinder oder anderen Kindern machen, ihnen allen vielleicht einen kleinen Fotoapparat zur Verfügung stellen und mit ihnen abseits der Wege die Individualitäten der vielen Baum- und Pflanzenfamilien gemeinsam entdecken. Dann würde ich ganz beiläufig über das Leben und seine realen Märchen erzählen, und dass wir eigentlich auch wie die Bäume sind:  

„Leben wie ein Baum, einzeln und frei // doch brüderlich wie ein Wald, // das ist unsere Sehnsucht.“ (Nazım Hikmet, türkischer Dichter und Dramatiker).  

Auf unruhige Kinder kann ein „Waldbad“ sehr beruhigend wirken  

Ich spüre immer mehr, dass die Bäume in ihrem extrem langsamen Wachstum trotzdem zusammenhängen, spüre den in Gänze verflochtenen und vielfach bewohnten Untergrund, auf dem ich wandere, und komme in dieser gemächlichen Lebendigkeit tatsächlich zur Ruhe*.  

Auch die Vögel führen Gespräche, in diesem Jahr gefühlt zahlreicher und lauter; oder liegt es nur an der neuen Aufmerksamkeit, weil mir Corona ganz andere zeitliche Wahrnehmungen ermöglicht hat? – Also wenn Sie mich fragen, dann kenne ich keinen besseren Ort, um mich zu zentrieren und gleichzeitig all-eins zu fühlen.  

Ich wurde gefragt, ob ich mich mit ADHS bei kleinen Kindern auskenne; und jetzt weiß ich auch, weshalb ich diesen Text hier geschrieben habe. Ich würde mich mit Kindern, die unter dieser inneren Unruhe leiden, verstärkt in die heilende Kraft des Waldes begeben und gemeinsam als Familie oder Kita-Gruppe oder nur zu zweit die Weisheiten dieser „alten Herrschaften“ dieses Planeten aufnehmen, um zu uns zu erden.  

* Linktipp für alle, die sich näher mit dem Waldboden beschäftigen wollen  

https://www.waldwissen.net/wald/boden/wsl_waldboden_merkblatt/index_DE

 



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Kategorien Elternberatung