Veröffentlicht am Fr., 26. Jun. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über ein gelingendes Familienleben im Corona-Modus.

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BLOG 76

ADHS – ein Thema, das viel Aufmerksamkeit verlangt  

„Das Kind hat bestimmt ADHS!“ Vielleicht ist ihnen diese Feststellung schon einmal untergekommen. Zum Beispiel, wenn ein besonders lebendiges Kind in der U-Bahn hin- und herrennt, sich an der Haltestange im Kreis dreht und von Mutter oder Vater selbst mit viel gutem Zureden nicht einen Moment auf dem Sitz zu halten ist.  

Aber was ist eigentlich ADHS, die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung? Und wie findet man genau heraus, ob es diese Störung ist, die das Verhalten eines Kindes erklären könnte? Wann muss man was tun? Ab wann ist eine Diagnostik angebracht? Welche Medikamente können helfen?

Schauen wir uns einige Fakten zu ADHS an:

• ADHS ist eine der am häufigsten diagnostizierten und behandelten Störungen der Entwicklung des Nervensystems. Weltweit sind je nach Klassifizierungssystem geschätzte drei bis acht Prozent aller Kinder und Jugendlichen von der Krankheit betroffen, wobei die Erkrankung bei Jungen etwa viermal häufiger diagnostiziert wird als bei Mädchen. Diese Daten variieren laut Autoren des internationalen Forschungsnetzwerks Cochrane im internationalen Vergleich nur wenig.

• Hauptsymptome der Erkrankung sind unter anderem Schwierigkeiten, sich zu fokussieren und Störungen kognitiver Funktionen. Kinder mit ADHS können hyperaktiv sein und Schwierigkeiten haben, zu planen, sich zu orientieren, zu konzentrieren und Probleme zu lösen, flexibel zu sein und ihre Impulse zu kontrollieren.

• Ursachen beruhen auf genetischen, sozialen und umweltbedingten Faktoren, sind aber bis heute noch nicht vollständig geklärt. Bei 70 bis 80 Prozent der Fälle scheint Vererbung im Spiel zu sein. (vgl. www.wissenwaswirkt.org)

Wenn Sie vermuten, dass ihr Kind ADHS haben könnte, suchen Sie sich professionelle Hilfe. Ein Kinder- und Jugendpsychiater kann die Weichen für entsprechende Therapien stellen. Prüfen Sie das Angebot und nehmen Sie Unterstützung an, die Ihnen sinnvoll erscheint. Dazu kann unter anderem auch eine Aufgabe für Sie zählen: ein Elterntraining. Sie lernen dabei, was ADHS ist, welche Folgen die Erkrankung hat, aber auch, was sie beachten müssen, wenn Sie ein ADHS-Kind haben. Hilfreich ist beispielsweise eine feste Struktur des Tages und einfache Regeln, die das Kind versteht. Auch eine klare Sprache, wenn Sie Anweisungen geben, und ein konsequentes Verhalten sind besonders wichtig.

Kinder mit ADHS brauchen besonders klare Strukturen

Auch wenn Sie manchmal tief Luft holen müssen: Machen Sie sich klar, dass ihr Kind Sie mit seinem Verhalten weder ärgern möchte, noch, dass es sich einen Spaß daraus macht. Nehmen Sie einen positiven Blick ein: Scheint ihr Kind eine besondere Begabung zu haben? Fördern Sie sie! Macht es Fortschritte in seiner Entwicklung und seinem Verhalten? Loben Sie es! Und spielen Sie mit offenen Karten: Menschen, die mit ihrem Kind häufig Kontakt haben – Erzieher*innen, Lehrer*innen, Nachbarn, sollten wissen, dass ihr Kind ADHS hat. So sind sie dafür sensibilisiert, dass es manchmal vielleicht besondere Unterstützung, Aufmerksamkeit und vor allem eine klare Struktur braucht. (vgl. https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/ )

Man weiß nicht genau, was dazu geführt hat, dass bestimmte Botenstoffe im Gehirn die als ADHS bezeichnete Störung in der Kommunikation zwischen den Nervenzellen hervorrufen. Interessant wird es bei der Frage nach Medikamentengabe. Das wohl bekannteste ist das Medikament Ritalin, das leistungssteigernd wirkt und die Konzentrationsfähigkeit verbessert. Über die Gabe streiten sich die Gelehrten. Ich persönlich würde immer erst gut prüfen, welche Möglichkeiten es für jedes einzelne Kind gibt, seine Energien selbsttätig kanalisieren zu lernen, bevor es durch das Ritalin oder andere Medikamente „ferngesteuert“ wird.

Ist es immer ADHS oder steckt etwas anderes dahinter?

Wie Sie es drehen und wenden: Wenn sich Ihr Kind so verhält, als hätte es ADHS, sind Sie gefordert, alles abklären zu lassen und die einzelnen Faktoren zu prüfen, die Sie im Leben Ihres Kindes beeinflussen können. Ein Geburts- oder anderes Trauma, Störungen in der Familiendynamik – alles, was ein Kind in seiner gesunden Entwicklung beeinträchtigt, kann ausreichend sein, um genau die gleichen Symptome wie die der ADHS hervorzurufen.

  Ich neige dazu, mit vorschnellen Diagnosen zurückhaltend zu sein, denn Sie leben mit Ihrem Kind und müssen es akzeptieren und lieben, wie es ist. Aber wenn Sie sich bei diesem Thema angesprochen fühlen, malen Sie nicht schwarz, sondern holen Sie sich Unterstützung und stehen Sie zu Ihrem besonderen Kind!


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