Veröffentlicht am Mi., 1. Jul. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über ein gelingendes Familienleben im Corona-Modus.

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BLOG 79

Den Keller aufräumen: Weshalb unsere Psyche funktioniert wie ein Haushalt  

„Wie lange schreibst Du denn noch den Blog?“ – „Bis ich fertig bin.“ Wir lernen, mit Corona zu leben, aber ich bin mit der Bearbeitung der Chancen in dieser krisenhaften Situation noch lange nicht durch.  

Heute Morgen habe ich wieder einen intensiven Traum aus dem Schlaf mitgebracht. Trotz mehrfachen frühen Aufwachens war ich immer wieder eingeschlafen und in dieselbe Szene eingestiegen. Ich war beim Aufwachen so unendlich traurig, denn die Geschichte handelte von meinen Versäumnissen, Unsensibilitäten, Vernachlässigungen und – aus meiner Biografie heraus durchaus verständlichen – Begrenzungen als Mutter. Da ist mein Sohn längst aus dem Haus und lebt sein eigenes Leben, während ich noch an manchen „alten Leichen im Keller“ hänge.  

Das nahezu tägliche Schreiben eines Textes zu Erziehungs- und Familienfragen hat in mir ein knarzendes Räderwerk wieder in Gang gesetzt, das bis tief in meine Seele reicht. Ich maße mir hier an, schlaue Dinge zu verkünden, und bin doch nur ein Mensch mit all seinen geerbten und selbst verdienten Fehlern. Mich überkommt eine große Dankbarkeit, dass ich es zu meiner Arbeit machen kann, diesen Verarbeitungsprozess von Erlerntem und Erfahrenem mit denen zu teilen, die meine Texte finden.  

Wer seine Geschichte erzählt, kann seine Prägungen verstehen lernen  

Es gibt ein schönes chinesisches Sprichwort: „Wer die Vergangenheit vergisst, ist verdammt, sie zu wiederholen“. Sigmund Freud beschrieb die Psychoanalyse als Weg, den Wiederholungszwang der eigenen Prägungen zu durchbrechen, indem man seine Geschichte erzählt und reflektiert. Die Anonymen Alkoholiker treffen sich in ihren Meetings, um ebendies zu tun: immer wieder ihre Geschichte zu erzählen, um sich der Umsetzung ihres Wahlspruchs zu nähern: „Gott (wie ich ihn verstehe) gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden“.  

Eines ist allen Wegen gemeinsam: den damit verbundenen Schmerz zu erleben und die Erfahrung zu machen, dass man nicht daran stirbt, sondern ganz im Gegenteil, lebendiger wird, wenn man hindurchgegangen und entscheidungsfähiger geworden ist.    

Wenn die Psyche plötzlich den Putzplan aushängt

Ich hatte gerade superschöne Tage, an denen mich Arbeit und Vergnügen Hand in Hand sehr erfüllt hatten. Und prompt sagte meine Psyche: „Ah, jetzt bist du stark genug, um die nächste tiefer liegende Schicht abzutragen und eine weitere Ecke deines Kellers (Unterbewussten) aufzuräumen!“

Wenn Bude oben – also der Kopf – voll ist, neigt man im Zuge seines Lebens dazu, die Dinge, die man einfach nicht unterbringen kann, in eben diesen Keller zu verdrängen. Da schmoren sie dann und warten auf ihre Befreiung. Zumeist handelt es sich um ungelöste Konflikte, nicht bearbeitete kritische Situationen, unerfüllte Bedürfnisse oder Scherbenhaufen aus Trennungssituationen und vor allem um aufgeschobene Entscheidungen! – Der Mensch ist im Grunde so einfach gestrickt wie ein Haushalt. Und wie im Haushalt ist es im Leben: Man hinterlässt oder überlässt den Nachgeborenen die Aufräumarbeiten der Inhalte, die man nicht selbst bewältigt hat.

Ein kleines Beispiel: Nehmen wir an, mir wäre die Hand ausgerutscht und ich hätte meinem Kind in einem unbeherrschten Augenblick eine Ohrfeige oder – wie es bei uns hieß – eine Schelle gegeben, dann gibt es verschiedene Niveaus, anschließend damit umzugehen.

  • Ich kann mich spontan entschuldigen und signalisieren, dass ich es ungeschehen machen möchte, und mein Kind sofort in den Arm nehmen. (Meistens mit einer ebenso unangemessenen Verwöhnungsaktion im Anschluss).
  • Ich kann die Verantwortung für mein Verhalten übernehmen und mein Kind um Entschuldigung bitten, indem ich sage, was mich in dem Moment so überfordert hat, und meinem Kind gestatten, erst einmal erschrocken, traurig und sauer zu sein, bevor ich seinen Schmerz „wegzutrösten“ versuche.
  • Ich kann mich überdies damit beschäftigen, was mich situativ aus mir selbst heraus dazu gebracht hat, und wo meine Schwachpunkte liegen. Ich spreche anschließend mit jemandem darüber, um meine Scham zu verarbeiten.
  • Ich belaste mein Kind nicht mit meinen Problemen und schütze sie als Erklärung vor, sondern verhalte mich in Zukunft angemessener, so gut es mir möglich ist. Ich vergebe mir selbst und werte meine ‚Fehler‘ als Lernschritte auf das Ziel hin, liebevoller Grenzen zu setzen; auch wenn ich es selbst nicht so erlebt habe.

Perfektionismus hat in der „Erziehung“ nichts zu suchen. Wir sind alle Lernende, egal welchen Alters. Es macht übrigens mehr Freude, mit anderen gemeinsam den Keller aufzuräumen: Es geht schneller, hilft bei Entscheidungen, und man kann auch über das eine oder andere zusammen lachen.


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Kategorien Elternberatung