Veröffentlicht von Juliane Kaelberlah am Do., 2. Jul. 2020 09:12 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über ein gelingendes Familienleben im Corona-Modus.

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BLOG 80

Die Person ist nicht das Problem: Faire Kritik kann man lernen 

Aus meinen Beratungen der vergangenen Tage nehme ich ein Thema mit, nämlich die zentrale Erkenntnis aus der Kommunikationstheorie, dass es für eine gelingende Kommunikation wichtig ist, Person und Problem zu trennen.

Wie oft fühlt man sich als Person angegriffen und abgewertet, wenn man selbst oder etwas, was man getan hat, kritisiert wird. „Was du gemacht hast, ist nicht okay für mich“ kommt anders an als „Du bist nicht okay“. Achten Sie mal im Alltag darauf, wie „kränkungs-empfindlich“ Sie selbst sind.

In Mediationen erlebe ich immer wieder, dass bei Streitereien diese Unterscheidung nicht vorgenommen werden kann, weil die Emotionen so hochgekocht sind. Und wer sich komplett angegriffen fühlt, schießt entsprechend zurück. Das Ergebnis kann schlimmstenfalls eine Eskalation im Pingpong-Takt sein.

Den Überblick gewinnen statt blind zurückzuschießen

Unser Fußball-Trainer sagte immer „Mädels, erst den Ball stoppen, und dann schauen, wo ihr überhaupt hinschießen könnt. Steht eine frei, die den Ball annehmen kann?“ Wir hatten ja damals alle keine Ahnung, weil wir zu den Prototypen des „Damenfußballs“ gehörten. So ähnlich ist es im Konflikt. Die Regel lautet: Nicht in Panik verfallen und blind zurückschießen, wenn der Ball (Angriff) kommt, sondern erst einmal den Überblick über das Ganze gewinnen.

Kinder können das noch nicht, weil sie die Empathiefähigkeit vielleicht noch nicht entwickelt haben. „Du bist doof!“ oder „Ich will dich nie wiedersehen!“ oder „Mit dir spiele ich nie wieder!“ Hänschenklein hat seine Entscheidung, sein Säckchen zu packen, sicher auch nach einem Streit mit der Mutter getroffen.

„So spricht man nicht mit seinen Eltern“ – Und von wem hat das Kind es gelernt?

In alten Zeiten gab es dann häufig „Dresche“ mit der Bemerkung „So spricht man nicht mit seinen Eltern!“ Das Dumme ist, dass die Kinder nicht nach einem Rhetorikkurs auf die Welt kommen, sondern von den Eltern, Großeltern, in der Kita, Schule oder im Fernsehen bzw. online ihren Sprachgebrauch lernen.

Wir Erwachsenen verhalten uns viel häufiger wie Kinder, als wir bemerken – und als uns lieb ist. Die inneren Kinder, die sich einstmals nicht gut aufgehoben gefühlt haben, marschieren an den Bühnenrand und übernehmen gerne die Hauptrolle in manchen Situationen unseres Lebens.

Man ist kein „Idiot“, wenn man etwas falsch gemacht hat

Je früher die Bedeutung der Sprache im Bewusstsein der Erwachsenen verankert ist, desto differenzierter lernen Kinder von vornherein, mit Unterschieden und Fremdheiten umzugehen. Diskriminierungen und pauschale Verurteilungen, die in Richtung dessen führen, was Rassismus genannt wird, können weder landen noch ausgeteilt werden, wenn diese Unterscheidungen von der Pike auf gelernt werden.

Es sind ganz kleine, effektive Stellschrauben, zum Beispiel:

  • Statt „Wie sieht dein Zimmer wieder aus! Du bist unordentlich!“ (oder schlimmer) könnte es nach zweimal Durchatmen heißen: „Ich erinnere mich, wie wohl du dich gefühlt hast, als du das letzte Mal dein Zimmer aufgeräumt hattest, weil du dein Lieblings-…. wiedergefunden hast. Heute ist dein Zimmer unordentlich, und ich bitte dich aufzuräumen, bevor dein*e Freund*in zu Besuch kommt.“  Mithelfen beim Einstieg ist immer gut.
  • Oder in der Partnerschaft: „Du bist ein Ignorant!“ könnte heißen „Ich fühle mich heute zum wiederholten Male nicht von dir nicht wahrgenommen, weil du die Verabredung nicht eingehalten hast!“

Wenn Sie jemanden als Ignoranten in eine Schublade stecken, kommt nur wieder ein Ignorant raus. Es lohnt sich, zu üben! 

Nehmen Sie jede*r einen Zettel und erstellen Sie mit Ihren Kindern (wenn sie alt genug sind) oder Ihrem/r Partner*in eine Liste von Sprüchen, die Sie von sich oder dem anderen kennen.

Und dann formulieren Sie positiv um! Wie kann man Kritik noch formulieren, damit sie nicht die ganze Person, sondern nur dieses spezielle Verhalten betrifft?

Das ist eine der ersten Aufgaben im Einführungsseminar für Leute, die eine Mediationsausbildung machen wollen; und es fällt ihnen meistens verdammt schwer, weil wir das andere so sehr gewöhnt sind. Die Kommunikation im Alltag wird so unglaublich viel angenehmer und würdevoller, und die Laune besser, wenn man diesen Perspektivwechsel drauf hat und bewusst in schwierigen Situationen einsetzen kann.


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