Veröffentlicht von Juliane Kaelberlah am Fr., 3. Jul. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über ein gelingendes Familienleben im Corona-Modus.

Hier können Sie den Text als pdf herunterladen.


BLOG 81

„Vertrauen oder Kontrolle“ oder „Vertrauen und Verantwortung“?

Heute möchte ich den Einstieg über die Organisationspsychologie wählen. Sie wirkt in allen Systemen von der Familie bis zu kleinen und großen Teams, zum Beispiel in einer Kita, in der Schule oder in großen Unternehmen der freien Wirtschaft.

Ich hatte an einer Online-Session mit Kolleg*innen teilgenommen, von denen eine in einer anderen Stadt mehrere Kitas leitet. Sie berichtete, wie sie in der Corona-Zeit ihre Teams gemanagt hat. Videokonferenzen, Briefe, Besuche, kleine Botschaften kreuz und quer über die Kinder sowie durch Eltern- und Kollegenschaft haben digitale Kompetenz und gleichzeitig persönliche Nähe hergestellt. Das war eine Menge Arbeit für die „Chefin“, brachte aber auch viel positive Energie für alle. Die ganzen Hygienepläne und Reglementierungen wurden auf diese Weise gut aufgefangen und in ihrer Ausschließlichkeit nicht als so schwer empfunden. Die Eltern waren dadurch äußerst kooperativ.

Auch Eltern sind Führungskräfte

Als Mutter oder Vater sind auch Sie eine „Führungskraft“ in einer kleinen Organisation. Und Sie kennen, wie man so sagt, Ihre „Pappenheimer“ mit all ihren Vorzügen und Lernbedarfen.

Ebenso geht es Leitungskräften in Einrichtungen, die mit Mitarbeiter*innen unterschiedlichen Alters, diverser Erfahrungshintergründe sowie gesundheitlicher und sozialer Situation zu tun haben, die ganz verschieden auf diese Corona-Zeit reagieren.

In einer Familie weiß man, dass man nicht von jedem dasselbe erwarten kann. In einem Team wird es erwartet, weil es ja ein Beruf ist, in dem alle gleich behandelt werden und gleich handeln sollten. Geht das, frage ich mich? Haben wir doch verschiedene Temperamente, Charaktere, Tempi und Fähigkeiten, und vor allem unterschiedliche Grade an Kränkbarkeit.

In Blog 80 habe ich darüber bereits geschrieben und möchte hier noch einmal anknüpfen, wie wichtig eine die Werte richtig einschätzende Kommunikation ist.

Heute flog mir ins Handy, dass mir jetzt ‚bonnipalo‘ auf Instagram folgt. Folgender Text ist dort gepostet: „Liebe Mama, dieses Buch schreibe ich jetzt für dich. Ich schreibe hier mal rein, was mich an dir nervt und was du richtig cool gemacht hast. LG Paula“

Ja, das gefällt mir! Kritikfähigkeit von Anfang an! Bildungs- und Lerngeschichte für Mama: Das nenne ich Qualitätsmanagement in der Familie. Ich lese ziemlich viele Texte über XING, LinkedIn, Portale in der Coachingbranche und in der Mediationsliteratur sowieso. Überall geht es um das Verhältnis von Vertrauen und Kontrolle.

Prinzipiell gibt es zwei Arten von Systemen. Wenn ich Sorge habe, dass ich den Überblick verliere, ein neues System anders funktioniert als das, aus dem ich komme (auch interessant für sogenannte Patchwork-Familien), wenn ich bewusst alles Alte ausblenden und dem Neuen meinen Stempel aufdrücken möchte, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als ein verordnendes und in gewisser Weise zwanghaftes Verhalten an den Tag zu legen. Ich fühle mich auf der sicheren Seite, weil ich glaube, nur so meine Aufgabe verantwortungsvoll zu erfüllen. Dieses Prinzip erfordert eine Hierarchie von oben nach unten und geht meistens auf Kosten der gleichwürdigen Beziehungen untereinander.

Die Herde zusammenhalten, indem man ein Teil von ihr bleibt

Das auf Vertrauen basierende System ist fehlerfreundlich und erfordert eine komplexere Struktur in der Kommunikation. Habe ich keinen guten Kontakt zu der/dem Kolleg*in, weiß ich aber vielleicht, wer einen guten Kontakt hat. Ich delegiere, vertraue und werte gemeinsam aus – und dadurch gemeinsam auf! Ich halte meine „Herde“ zusammen, indem ich ein Teil von ihr bin und mich in ihr mit Überblick bewegen kann. Die Führungsthemen sind dienlich und transparent für alle und fordern die Selbstregulation der einzelnen Mitarbeiter*innen heraus.

Es gibt immer jemanden, den man mitziehen muss, aber man muss sich nicht notgedrungen davon aufhalten lassen, dass es einzelne Bremser gibt. Vielleicht lassen sich Situationen finden, in denen gerade dies zur Stärke wird, wer weiß?

Verantwortlichkeiten zu verteilen bedeutet Aufwertung. Manche Menschen können eine bestimmte Aufgabe übernehmen; andere sind damit überfordert. So what? Meine Erfahrung in der Arbeit mit Familien, Teams und Organisationen ist, dass sich auf der Arbeit alte verinnerlichte Familienstrukturen des Einzelnen widerspiegeln – sogar aus den vergangenen Generationen. Die Geschwisterkonstellation hat Einfluss auf die berufliche Position, der Erziehungsstil beeinflusst den Führungsstil. Sind Sie die Mutter/der Vater, die Chefin oder der Chef die/der Sie sein wollen? Es ist spannend, bei sich einmal nachzuforschen.

Es gibt Bereiche, da muss der Hut fest auf einem Kopf sitzen; aber es ist trotzdem günstig, wenn jeder weiß, welche Gedanken sich unter dem verbergen, und ob er manchmal gelüftet wird. Fangen Sie zu Hause an und begreifen Sie schon Ihre Familie als Team. Ich bin sicher, dass Sie in der Corona-Zeit viele Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht haben. Vertrauen fördert Offenheit und mindert Ängste vor Versagen und Ausgrenzung. Es lebe die Kooperation in guter Laune!


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