Veröffentlicht am Mo., 6. Jul. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über ein gelingendes Familienleben im Corona-Modus.

Hier können Sie den Text als pdf herunterladen.


BLOG 82

Patchwork – Die anspruchsvolle Rolle der Vize-Eltern

Es gibt unendlich viele Themen, die man in diesem Blog in Corona-Zeiten noch behandeln könnte. Solange mir durch die Anregungen aus Beratungen und dem Zeitgeschehen noch Ideen kommen, tue ich das gern. Ich hatte im letzten Blog den Begriff „Patchwork-Familie“ erwähnt. Er ist es wert, etwas genauer beleuchtet zu werden.

Meistens werde ich damit konfrontiert, wenn diese zusammengefundenen Zweitfamilien auseinanderzubrechen drohen oder es bereits sind. Häufig ist der Auslöser der zurückgelegten Konfliktserie das Beziehungsgeflecht zwischen den neuen Vater- oder Mutterfiguren und den mitgebrachten Kindern.

Selbst nach 20 Jahren erfolgreichen Zusammenlebens ist es möglich, dass der gefürchtete Satz „Aber du bist nicht mein Vater!“ oder „Du bist nicht meine Mutter!“ fällt. Er klingt für die Erwachsenen unvorstellbar grausam, weil man sich in der Beziehung zu dem Kind oder den Kindern doch so sicher wähnte und glücklich fühlte. Kinder vergessen aber nie, wie die wahren Verhältnisse sind.

„Familie“ zu sein kann man nicht einfach so beschließen

Die größten Probleme tauchen auf, wenn nach relativ kurzer Zeit ein „Vize-Vater“ in die Hauptrolle rutschen möchte und beginnt, die „neue“ Tochter oder den neuen „Sohn“ zu erziehen. Man kann eine Familie nicht beschließen! Ganz finster ist, wenn die Kinder zum neuen Partner oder der neuen Partnerin eines Elternteils „Mama“ oder „Papa“ sagen sollen.Natürlich gibt es auch Konstellationen, in denen alles wunderbar reibungslos läuft; aber über die muss ich nicht schreiben; ich kann sie nur bewundernd würdigen.

Der Respekt vor den verhinderten oder zerbrochenen Bindungen der neuen Partner*in ist ein Akt der Reife, wenn man als neues Bonus-Elternteil den Kindern aus getrennten Familien begegnet. Es kann eine erfüllende Bereicherung für alle sein, wenn die Grenzen dieses Respekts eingehalten werden. Alle Fähigkeiten der Kommunikation sollten eingesetzt werden. Rollen müssen gefunden und austariert werden. Welche Rolle passt am besten in das neue Gefüge? Eher zurückhaltend zu sein bei wichtigen Fragen, gleichberechtigt mitreden oder sogar Maßstäbe setzen? Was ist angemessen? Und wie kann man die Rolle am besten herausfinden?

Kinder in Patchwork-Familien tragen mehrere Wertesysteme in sich

Vieles, was ich über das Miteinander in Familien bisher geschrieben habe, hat erst recht seine Gültigkeit in Patchwork-Familien, nur in noch sensiblerer Form. Hier treffen nicht nur zwei Menschen aus verschiedenen Herkunftsfamilien aufeinander. Die Kinder haben jeweils zwei Elternteile, deren mitgebrachte Wertesysteme sie in sich tragen. Bei den zusammengefügten Familien kommen also vier verschiedene Richtungen, repräsentiert durch die Kinder, zusammen. Manchmal sind es sogar noch mehr, falls mehrere Kinder da sind, die verschiedene Väter oder Mütter haben. Man sollte das zumindest im Bewusstsein haben, wenn es zu Konflikten kommt, und vielleicht auch Großeltern noch Einfluss haben. Das ist alles völlig in Ordnung, wenn man nicht erwartet, dass die neue Eltern-Konstellation über die Einstellungen der Kinder bestimmen kann.

Die Familienkonferenz nach Thomas Gordon oder eine vergleichbare Art von Familienrat ist in so einer Lebensform besonders hilfreich. Miteinander aushandeln, welche Verhältnisse am besten und hilfreichsten sind, um unnötigen Streit zu vermeiden, können ein modernes und lebendiges Familienleben aufbauen, das es in früheren Zeiten so noch nicht gab.

Wer in seiner Rolle leichtfüßig bleibt, hat gute Karten

Zum Beispiel gibt es mit Themen wie Schulbesuch, Schulwechsel oder Auslandsaufenthalt bei gemeinsamem Sorgerecht mit geschiedenen oder getrennten Eltern-Partnern schon genügend Richtungen, aus denen eventuell an den Kindern gezogen wird. Hier erweist es sich als besonders wirkungsvoll, wenn man es als Person von außen schafft, die Sachebene im Auge zu behalten, und wenn, dann eher mit dem Kind solidarisch zu sein.

Wem es gelingt, in einer gemischten Familienkonstellation flexibel und nicht auf eine feste Rolle festgelegt zu sein, eher leichtfüßig tänzerisch, und nicht gekränkt zu reagieren, wenn alte Systeme mal stärker sind, hat gute Karten. Es lohnt sich, rechtzeitig daran zu arbeiten.

Vielleicht sollte man wissen, dass bestehende Systeme immer stärker sind. Wenn man als fremde, neue Person dazu kommt, bleibt man zu einem gewissen Teil immer ein Eindringling. Geht man bewusst damit um, bleibt man eine spannende und bereichernde Bezugsperson mit viel mehr Gedankenfreiheit als die „richtigen“ Väter und Mütter.


Sie haben eine Frage oder möchten sich beraten lassen? Schreiben Sie mir eine Mail an rohrbach@cw-evangelisch.de. Ich melde mich unmittelbar zurück und wir vereinbaren einen Termin für ein Telefonat oder einen Skype-Videocall. Das Angebot ist kostenfrei.

Liebe Leserin, lieber Leser: Ich freue mich über jede Rückmeldung! Wer ein Wunschthema, positive Resonanz oder kritische Anmerkungen hat, darf sie mir gerne schicken.

Kategorien Elternberatung