Veröffentlicht am Di., 7. Jul. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über ein gelingendes Familienleben im Corona-Modus.

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BLOG 83

Im Geflecht der Großfamilie: Die Patchwork-Decke der Kommunikation

Wer einmal eine Patchwork-Decke genäht hat, weiß, wie viel Arbeit das bedeutet. Früher haben die Frauen in der Gruppe zusammengesessen und alles mit der Hand genäht. Dabei fand der soziale Austausch statt und die Arbeit ging leichter von der Hand. Heute wird der Begriff „Patchwork“ am häufigsten im Zusammenhang mit Patchwork-Familien gebraucht. Über den Anteil „work“ habe ich bereits im letzten Blog geschrieben. Ich möchte das Thema gern weiterspinnen.

Nehmen wir an, ein Elternpaar mit einem Kind hat sich getrennt. Beide Parteien gehen nach einiger Zeit eine neue Partnerschaft ein und bekommen zu ihrem gemeinsamen noch jeweils zwei „neue“ Kinder mit den neuen Partnern. Diese neuen Partner haben aber vielleicht auch noch einen Ex-Mann oder eine Ex-Frau – den Vater oder die Mutter ihres/r ersten Kindes/r. Womöglich sind auch dort neue Partnerschaften und neue Kinder entstanden. Alle Erwachsenen sind für ihre Kinder sorgeberechtigt und haben Umgang zu unterschiedlichen Zeiten und mit verschiedenen Konzepten.

Liebe Mathelehrer*innen, das wäre doch mal eine lebensbezogene Textaufgabe: Wie viele Halbgeschwister hat jedes Kind? In wie vielen Familiensystemen muss sich jedes Kind bewegen können?

Wechseln Sie die Rolle und lernen Sie die Perspektive von Vize-Mutter oder Kind kennen

Ich frage Sie: Wie könnte die „Patchwork-Decke“ der Kommunikation in diesem Familienumfeld genäht werden? Zeichnen Sie sich das einmal auf und versuchen Sie, sich in die Lage jeder einzelnen Person hineinzuversetzen. Vielleicht malen Sie das ganze System wie ein Spielbrett auf, nehmen „Mensch ärgere dich nicht“-Figuren und tauschen die Rollen in Bezug auf bestimmte Fragestellungen: „Was würde die leibliche Mutter dazu sagen? Was der Vize-Vater? Und welche Sichtweise hat das Kind?“ Ich kann Ihnen versichern, dass das Spaß macht und den Horizont immens erweitert. Wenn Sie es mit Ihren Kindern gemeinsam machen, erfahren Sie gleich, wie es ihnen in ihrer jeweiligen Situation geht.

Der irrationale Corona-Alltag erinnert an die Situation vieler Patchwork-Kinder

Durch die Corona-Vorschriften kommt noch mehr Verwirrung dazu, wann man sich wo woran halten soll. Sich zum Beispiel in einer Kita-Gruppe nur untereinander in einem Raum aufzuhalten, um sich im Freigelände munter zu treffen, entbehrt der Logik. Ich frage mich zum Beispiel auch, ob es eine angemessene Reaktion ist, ein ganzes Schwimmbad zu schließen und zu desinfizieren, weil eine Mitarbeiterin positiv auf Corona getestet wurde. Natürlich geschieht im Spielraum zwischen behördlichen Anweisungen, eigener Verantwortung und Widerstand gegen die (vermeintliche) Freiheitsbeschränkung auch viel Irrationales. Diese Gemengelage lässt sich eins zu eins auf manche Alltagssituation in einer Patchwork-Familie übertragen: Wie fühlt es sich beispielsweise für ein Kind an, mit mehreren Erwachsenen zu tun zu haben, die vielleicht unterschiedlich ängstlich, geduldig oder ordentlich sind? An wem soll es sich orientieren?

Ein junger Mensch kann lernen, dass Widersprüche zum Leben gehören

Gehen wir vom Idealfall aus, dass alle Erwachsenen, (inklusive Erzieher*innen und Lehrer*innen) eine für das Kind klar erkennbare innere Haltung haben, nach der sie sich verhalten. In diesem Fall hat ein Kind bei maximaler Offenheit und Transparenz die Chance, zu lernen, wie man mit zehn Bällen jongliert! Es wird nicht gelingen, alle Erwachsenen „gleichzuschalten“, die mit ihm umgehen, aber das Kind wird ein eigenes Augenmaß entwickeln. 

Ein junger Mensch kann und sollte lernen, mit Widersprüchen umzugehen und Ungerechtigkeiten auszuhalten, weil es keine absolute Gerechtigkeit gibt. Er kann lernen, Verbote oder Zugangsbeschränkungen nicht immer auf sich persönlich zu beziehen, sondern erkennen, dass sie der Versuch der „Bestimmer“ sind, die Allgemeinheit im Zaum zu halten.

Übertriebene Ängste und grobe Fahrlässigkeit begegnen uns in diesen Monaten oft gleichzeitig, weil verschiedene Menschen in derselben Sache ohne Absprache Entscheidungen fällen. Ist das in Familien nicht oft genauso? Deshalb ist das einzige Mittel, das Zufriedenheit in komplexen Systemen herbeiführen kann, Klarheit, Offenheit im Umgang mit Widersprüchen und liebevolles Miteinander.


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Kategorien Elternberatung