Veröffentlicht am Mi., 8. Jul. 2020 08:00 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über ein gelingendes Familienleben im Corona-Modus.

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BLOG 84

Das Comeback des Anstands: Die Stunde der Maultaschen  

Schon lange wollte ich die neuen Accessoires in unserem Leben würdigen: die Masken. Sie sind es wert!  

Wie oft habe ich im Winter in der U-Bahn gestanden und mich anhusten lassen müssen, um mich anschließend darüber zu ärgern und so mein Immunsystem zu schwächen! Häufig habe ich meine Buff-Tücher über die Nase gezogen, wenn die aggressiven Gerüche einiger Obdachloser für lange Zeit in der Luft des Waggons hängenblieben. Das mangelnde Empfinden mancher Personen für den anderen, fremden Menschen in der Nähe hat mich schon immer gestört.  

Es gibt ja auch Leute, die kommen einfach immer zu dicht, rücken einem auf den Pelz, ohne dass sie es selbst bemerken. Dann muss ich ihren Atem riechen, obwohl ich genau das als absolute Grenzüberschreitung empfinde. Da denke ich nicht einmal an Ansteckung, sondern mag es einfach nicht. Ich bin auch kein Fan davon, dass mir jeder ungefragt um den Hals fällt. Das ist wie mit dem ‚Sie‘ und dem ‚Du‘: Ich bin eigentlich generationsbedingt eine chronische Duzerin, frage andere aber vorher, ob das „Arbeits-Du“ okay ist.  

All diese Dinge sind mir neulich durch den Kopf gegangen, als ich meine Maultäschle zum Trocknen auf die Leine gehängt habe. Die meisten Masken, die ich besitze, sind von einer Keramikerin gegenüber meiner Wohnung. Sie hat die Gunst der Stunde frühzeitig erkannt und genäht wie verrückt. Ich weiß nicht mehr, wie viele Masken ich gekauft und verschenkt habe – statt Blumen!  

Der Mensch neben mir darf seinen Atem gern für sich behalten  

Ich denke, es ist deutlich geworden, dass der Mund-Nasen-Schutz erheblich dazu beigetragen hat, die Ansteckungsrate zeitweilig zu verringern. Der Irrsinn, dass man das Tragen am Anfang der Pandemie u.a. deshalb nicht verordnet hat, weil keine Einwegteile geliefert werden konnten, hat zu weit schlimmeren Maßnahmen geführt. Wenn jeder Mensch ab einem bestimmten Alter seinen potentiell verkeimten ‚Aus-Atem‘ unter Menschen für sich behält, kann wenig passieren. Bei der Gelegenheit haben sich auch viele Erkältungskrankheiten und Magen-Darm-Infektionen reduziert. Norovirus adé!  

Das Wort „Anstand“ hat ein moralinsaures Image – zu Unrecht  

Ich benutze ja manchmal gerne das Wort ‚Anstand‘, seit ich das Buch von Axel Hacke gelesen habe*. Es war für mich eine Neuentdeckung des Begriffsverständnisses, die den negativen Beigeschmack aus meiner Jugend relativiert hat. Den Begriff ‚social distancing‘ finde ich scheußlich – auch, weil er falsch ist. ‚Anstand wahren‘ passt in diesen Zeiten irgendwie besser und bedeutet auch Umsichtigkeit: Ich nehme meine Umwelt wahr und weiß, wo ich stehenbleiben muss.  

Die japanische Kultur bietet in dieser Hinsicht Vorbilder. Bevor ich in einen Raum trete, in dem sich jemand befindet, halte ich auf der Schwelle inne und warte, bis ich eintreten darf. Im öffentlichen Raum haben wir nur das, was man persönliche ‚Aura‘ nennen könnte. Natürlich ist im Berufsverkehr nichts davon möglich, weder in Japan noch bei uns. Aber vielleicht helfen da ja die Maultäschle.  

Ein Filter gegen krankmachende Sprache  

Interessant finde ich die Übertragung auf die Sprache. Beleidigungen und Fäkalsprache haben auch einen gewissen Ansteckungscharakter. Seit der stärkeren Beeinflussung des Sprachgebrauchs durch vorwiegend männliche junge Menschen aus viel stärker patriarchal geprägten Gesellschaften als unserer einerseits und der zunehmenden Bewegung vieler Menschen in den politisch als scharf rechts beschriebenen Raum in unserem Land andererseits würde ich gerne ein verbindliches Unterrichtsfach mit dem Titel von Axel Hackes Buch im Curriculum aller Schulen verankern.  

Ich muss auf offener Straße manchmal Sachen mit anhören, die weit in die Abgründe vor jeder Frauenbewegung reichen. Ich möchte die Inhalte hier nicht wiedergeben, aber oft würde ich in diesen Momenten gern ein Maultäschle mit Anstands-Zauberwirkung und eingebautem Filter aus der Tasche ziehen und den Leuten mit einem aufmunternden Lächeln nahelegen, es schleunigst umzuschnallen.  

Es wäre wunderbar, wenn alle, wirklich alle, verstehen würden, weshalb es sinnvoll ist, krankmachende Aerosole ebenso wie kränkende Äußerungen für sich zu behalten. Und das Maultäschle als Erinnerung an den manchmal fehlenden Anstand zu nutzen, um besser ‚social connected‘ zu sein.  

Buchtipp

Axel HackeÜber den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen. Verlag Antje Kunstmann, München 2017, ISBN 978-3-95614-200-0



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