Veröffentlicht am Do., 9. Jul. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über ein gelingendes Familienleben im Corona-Modus.

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BLOG 85

Ein Brief in die Ewigkeit – eine private kleine Geschichte aus der Geschichte

„Lieber Wolfgang,

heute wärst Du 99 Jahre alt geworden. Du bist im vergangenen Jahr schwer gestürzt und hast dich entschieden, nicht im Rollstuhl zu sitzen, sondern ganz schnell deinen Körper verlassen. Du warst noch glasklar im Kopf und voller Lebensfreude und Humor. Und du wärst so gerne 100 Jahre alt geworden!

Wahrscheinlich bist Du froh – da wo Du jetzt bist – dass dir das erspart geblieben ist. Einsamkeit im Rollstuhl zu Corona-Zeiten wäre nicht dein Ding gewesen. Ich bin jeden Sonntag, an dem es mir möglich war, mit festlichem Essen zu dir gekommen, und wir haben anschließend stundenlang gequatscht. Du hast meine Spaghetti aus schwarzen Bohnen genauso gerne gegessen wie die Königsberger Bio-Klopse oder Pilz-Risotto. Immer hattest du dich schick gemacht, im Sommer mit knallbunten T-Shirts, und hast auf dem Balkon mit der roten Kappe gegen die Sonne auf mein Kommen gewartet. Meistens warst du vorher sogar beim Friseur und hast dich jedes Mal total auf meinen Besuch gefreut. Genau wie ich, mit meinen Taschen voller Futter, gleich für den nächsten Tag mit. 

Heute bin ich glücklich und traurig zugleich, dass du nicht mehr da bist. Deine Zeit war abgelaufen, und du hast rechtzeitig vor Corona die Kurve gekriegt.“ 

Wolfgang war der Vater meiner ersten und besten Freundin in der ersten Grundschulklasse. Später zog die Familie dann nach Süddeutschland. Was habe ich meine Freundin vermisst und um ihre Eltern beneidet! Ich glaube, unsere Brieffreundschaft hielt noch acht Jahre an, dann haben wir uns unterschiedlich entwickelt. Ich in West-Berlin, in der Pubertät 1968 – na ja, lassen wir das hier mal. 

Echte Freundschaften überbrücken auch lange Distanzen 

Als ich 2006 umzog und meinen ganzen Krempel reduzieren musste, habe ich die Kiste voller Briefe entsorgen müssen; aber ich dachte, ich finde meine Freundin bestimmt im Internet, weil sie mit Sicherheit eine berühmte Wissenschaftlerin geworden ist. Und richtig! Zum Glück hatte sie ihren Namen nicht geändert; denn jetzt lebte sie schon ewig lange in Norwegen.

Es war ein unglaubliches Wiedersehen! Als hätten keine 50 Jahre dazwischen gelegen. Unglaublich, was echte Nähe alles überbrücken kann! Christines Eltern waren mittlerweile wieder in Berlin in einer Altenresidenz, weil die Mutter schwer an Parkinson erkrankt war.

Sie starb wenige Jahre später und Christine selbst, ein Einzelkind, hat ihre eigene Familie in Norwegen. Das war meine Chance auf den schon immer angehimmelten Vize-Vater. 

Ich habe so viele Geschichten von ihm gehört, natürlich in mehrfacher Wiederholung, aber es kamen immer neue Aspekte und Details dazu. Je älter er wurde, desto mehr kamen die Kriegsgeschichten hoch. Er war so stolz, dass es ihm mit viel Cleverness gelungen war, als Soldat bei der Luftwaffe durch den ganzen Krieg zu kommen, ohne einen einzigen Menschen umbringen zu müssen. 

Seine Frau und er waren 62 Jahre glücklich verheiratet, treu und einander ebenbürtig, was die Power und das eigenständige Denken betrifft. Bis zum Schluss haben sie mit großer Zärtlichkeit Achtung voreinander gehabt und trotz der schweren Krankheit miteinander gelacht. Meine eigenen Eltern sind schon sehr lange tot, und ich hatte es immer vermisst, das Altwerden mitansehen zu können. Irgendwo muss man ja Vorbilder herhaben, weil dieser Weg niemandem erspart bleibt, der alt werden will. 

Was die Zeit in dieser Wahlverwandtschaft mich gelehrt hat 

Ich habe aus dieser Zeit mit Wolfgang so viel für mich mitgenommen! Die Kraft, sich nicht gehen zu lassen, auch wenn man kaum noch aus dem Stuhl kommt. Die Würde, das eigene Leben mit allem Leid anzunehmen, die innere Aufrichtigkeit und das Mitgefühl mit den Schwächeren. Er hat nie verstanden, weshalb die meisten Leute in seinem Haus so griesgrämig und zurückgezogen lebten. Er hatte keine Scham wegen seines Alters. Und er hasste Geizhälse. Was konnte er sich über seinen reichen geizigen Schwager lustig machen – im Grunde über dessen Armut. Er zog mit seinem Rolli um die Häuser und quatschte mit den Leuten, die er traf. Fast jeden Tag raffte er sich für eine Runde auf. Wolfgang war naturverbunden, was natürlich bedeutete, dass er ein ‚Grüner‘ war; ein Gebot der Logik.  

Ich bin zutiefst dankbar, dass ich diese Gelegenheit hatte, meine Wahlverwandtschaft so zu bereichern, die Menschen und Vorbilder zu finden, die mich angenommen haben wie eine zweite Tochter. Weshalb ich das hier schreibe? Weil ich an die Kraft der Liebe glaube, an den Wert von Beziehungen und Freundschaft, die nicht zu Wegwerfartikeln werden dürfen. Weil der Aufbau von Beziehungen schon zwischen Kindern lebenslange Freundschaften hervorbringen kann, die viel mehr wert sind als jede Erbschaft, jedes Haus und jedes gut gefüllte Konto. Weil ich glaube, dass wir genau das brauchen, was uns eine Zukunft ermöglicht: sichere Bindungen. Das geht auch über viele Kilometer hinweg, wenn die Verbindung erstmal steht.


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