Veröffentlicht am Fr., 10. Jul. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über ein gelingendes Familienleben im Corona-Modus.

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BLOG 86

Wegschauen hilft nicht: Obdachlosigkeit – (k)ein Kinderthema?

Heute Morgen rief mich mein bester Freund Hugo an, um mir mitzuteilen, dass er es unglaublich findet, dass ich mich getraut habe, in meinem Blog das Tabuthema ‚Obdachlose‘ anzufassen. Er und seine Familie kochen am Heiligen Abend seit vielen Jahren für die Obdachlosen in Neukölln und haben sich immer als sehr solidarisch mit den Schwächsten der Gesellschaft empfunden. Nur die Begegnungen in U- und S-Bahn mit der oftmals hinterlassenen „Standspur“ an Gerüchen löse bei ihm im Widerspruch dazu stehende Gefühle aus. – Es gibt immer ein „sowohl als auch“!

Wir sollten diesen Teil der Gesellschaft auch hier nicht tabuisieren. Obdachlosigkeit ist nicht schön, sie riecht manchmal auch nicht gut; aber Kinder bemerken sie. Und sie fragen. Was sollen sie davon halten? Sie sollten wissen, dass es Menschen gibt, die so weit ins innere und äußere Abseits geraten sind, dass sie keinen Platz in dieser Gesellschaft finden können oder sogar nicht mehr wollen. Genau deshalb sind sie unübersehbar mitten unter uns. Und zu dieser immer schwierigen Situation für viele obdachlose Menschen kam in diesem Jahr auch noch Corona.

Obdachlosigkeit ist nicht immer sichtbar

Armut ist keine Krankheit, aber führt häufig dazu. Es gibt Menschen, die in die Wohnungs- oder gar Obdachlosigkeit gerutscht sind, weil eine wahre Kaskade von Verlusten – Jobverlust, Trennung, Ausgrenzung, Krankheit, mehrfaches Pech – sie haltlos gemacht hat. Viele möchten nicht unangenehm auffallen und versuchen hoffnungslos, unsichtbar zu sein. In Deutschland soll es schätzungsweise 48.000 Wohnungslose (ohne Mietvertrag) und circa 650.000 Obdachlose (ohne jegliches Dach) geben; davon 80 Prozent Männer, die sich vorwiegend in Großstädten versuchen durchzuschlagen. Die Frauen auf der Straße erfahren oft Gewalt und sexuelle Herabwürdigung – ein schweres Los, das häufig bereits in ihren Herkunftsfamilien seinen Anfang nahm. Von Jugendlichen möchte ich hier gar nicht erst anfangen.

Ein Familiengefühl kann auch im Leben auf der Straße entstehen

Allen gemeinsam ist der Fluchtimpuls in den öffentlichen Raum, auf die Straße, um der Hilflosigkeit zu entfliehen. Es entsteht auf der Straße vielfach ein „Familiengefühl“ untereinander, eine Zugehörigkeit zur „Bande“, die sich durchschlagen muss, in einer Art Parallelwelt, die mitunter die der Angepassten – durchaus berechtigt – als feindlich betrachtet.

In einer Zeit, als „Armut“ noch eine viel existenziellere Bedeutung hatte, versuchte der Gründer der Bethel-Heilstätten, Friedrich von Bodelschwingh, mit dem Motto „Arbeit statt Almosen“, die Würde obdachloser Menschen zu retten. Damals gab es die sogenannten Wanderarbeiter, die Landstreicher oder „Brüder der Landstraße“, die noch versuchten, beim Betteln oder gegen Arbeit irgendwo eine Krume Brot herzubekommen. Im Jahre 1907 hat von Bodelschwingh als preußischer Abgeordneter im Landtag das Wanderarbeitsstättengesetz durchgesetzt. Dazu gehörte, dass jeder Wanderarbeiter bei Beschäftigung ein Recht auf eine eigene Kabine mit Bett, Stuhl, Tisch und Schrank hatte.

Ist es nicht unglaublich, wenn man das mit den Bedingungen heutiger osteuropäischer „Wanderarbeiter“ in der deutschen Fleischindustrie vergleicht? Man fragt sich natürlich sofort, wie grausam die Bedingungen im Heimatland sein müssen - immerhin EU - dass die Leute so etwas freiwillig auf sich nehmen? Noch im Jahr 2020? Wenn ich dieses Thema zum Maßstab nehme, dann ist unsere Zivilisation in den letzten gut 100 Jahren eher bereits im Abstieg begriffen als weitergekommen. 

Kinder sollen wissen, dass diese Menschen zu unserer Gesellschaft gehören

Der andere, wahrscheinlich größere Teil der Obdachlosen gehört zu den psychisch kranken Menschen, die an psychotischen Zuständen jedweder Art, Traumata, Schizophrenie, Persönlichkeitsstörungen und/oder chronischer Sucht leiden. Sie sind durchgefallen durch die Raster unseres Sozial- und Gesundheitssystems, und für den Arbeitsmarkt nicht mehr verfügbar.

Allen gemeinsam ist, dass sie ein Leben, das wir als normal bezeichnen, nicht (mehr) organisieren können. Der belgische Wissenschaftler Lionel Thelen sprach in seiner Veröffentlichung von 2006 vom „Exil vom Selbst“1: Jemand ist nicht bei sich, steht neben sich, kann sich nicht steuern. Ein tragischer Zustand, mit dem einhergeht, dass es schwer bis unmöglich ist, Hilfe überhaupt anzunehmen.

Unsere Kinder sollten wissen, dass auch diese Menschen ein Teil der Gesellschaft sind und Verständnis brauchen. Die Gabenzäune zum Beispiel sind sicher keine Lösung, aber eine sichtbar unterstützende Gelegenheit, Gespräche mit obdachlosen Menschen möglich zu machen und das Teilen zu üben. Vieles, was Corona hervorgebracht hat, sollte beibehalten werden.

Linktipps

https://www.betterplace.org/de/projects/77963-taglich-10-euro-fur-jeden-obdachlosen-berlins-corona-soforthilfe 

https://www.berliner-obdachlosenhilfe.de/helfen/hilfe-wahrend-der-corona-pandemie

1 Thelen, Lionel (2006), L'exil de soi. Sans-abri d'ici et d'ailleurs, Bruxelles, Publications des Facultés Universitaires Saint-Louis


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