Veröffentlicht am Mo., 13. Jul. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über ein gelingendes Familienleben im Corona-Modus.

Hier können Sie den Text als pdf herunterladen.



BLOG 87

Trennungen in der Corona-Zeit Wie Sie und Ihre Kinder lernen, mit der neuen Situation umzugehen

Trennungen können auf die eine oder die andere Art gestaltet werden. Achtung und Respekt vor den Gefühlen des anderen wahren; nicht verletzen wollen, weil man selbst einmal verletzt wurde: Das ist ein Weg, für den man sich entscheiden muss. Ich bin mir sicher, dass die meisten ihn im Grunde gehen möchten. Reflektieren Sie Ihr Trennungsverhalten! Und zwar auch aus Liebe zu Ihren Kindern, die sich dann mit positiver Wirkung mit Ihnen identifizieren können.

So weit der Vorspann.

Die Kinder sind unschuldig – und benötigen gute Begleitung

Die Realität sieht häufig anders aus. Ich bin seit 1995 Mediatorin und bilde bereits genauso lange Mediator*innen aus, weil ich den bewussten Umgang mit Konflikten ungeheuer wichtig finde. Meine Profession bringt natürlich mit sich, dass ich hauptsächlich mit Paarberatung (wenn es noch nicht zu spät ist) oder Trennungs- und Scheidungsmediation als Familienthemen zu tun habe. Mediatoren sind all- bzw. überparteilich; aber ich habe in diesen Fällen eine innere Parteilichkeit für die völlig „unschuldigen“ Kinder aus dieser Beziehung.

Die Corona-Zeit hat bereits vorhandene schwelende Trennungsbedürfnisse mancherorts ans Licht gebracht. Diese Kombination aus einem Alltag, der über Wochen und Monate durch Kontaktsperren zu anderen vertrauten Menschen ohnehin aus den Fugen geraten ist, und der Tatsache, dass die Eltern sich trennen, ist für Kinder eine Megabelastung.

„Es gibt immer einen, der mehr liebt“

Wenn es zu einer Trennung kommt und ein Elternteil auszieht (meist der Vater), dann sind alle Personen, die im Hintergrund ein Sicherheit gebendes Netz für die Kinder bieten können, von großer Bedeutung. Vielleicht verhalten sich die Kinder noch scheinbar normal, aber die Erschütterung ist nicht zu vermeiden. Jetzt ist das Erwachsenen-Ich in den beiden Elternteilen gefragt. Das innere verlassene Kinder-Ich ist wütend und verzweifelt und möchte den anderen am liebsten nicht mehr sehen, um erst einmal den größten Schmerz verkraften und überwinden zu können.

Der aktiv verlassende Teil empfindet vielleicht eine Befreiung von der Beziehung und verliert jeden inneren Kontakt zum/r Ex-Partner/in. In Zeiten von Tinder und Co kommt häufig recht schnell das Bedürfnis auf, seinen Marktwert zu testen und sich mal wieder als „Mann“ oder „Frau“ zu fühlen. Man sagt, dass der Trennungsschock circa drei Monate anhält, bis man überhaupt zu einer Mediation fähig ist, also wieder aus „erwachsenen“ Augen auf die Situation blicken kann. Für ein Kind aber ist jeder Moment wie eine Ewigkeit.

Versuchen Sie, den „Erwachsenenblick“ auf die Dinge zu behalten

  • Lügen Sie Ihr Kind nicht an. Sobald es sicher ist, dass Papa (oder Mama) aus- und nach bisherigem Stand nicht wieder einzieht, klären Sie Ihr Kind darüber auf.
  • Reden Sie nicht schlecht über den anderen! Für ein Kind sind Mama und Papa ein Teil von ihm selbst.
  • Treffen Sie klare Vereinbarungen, wann das Kind den anderen Elternteil sieht, und bitte halten Sie sich daran. Das ist in dieser ersten Phase besonders wichtig.

Wenn Sie nicht möchten, dass der andere „Ihre“ Wohnung betritt, denken Sie daran, dass es auch die Wohnung Ihres Kindes ist. Entweder Sie wechseln sich ab oder Sie teilen Ihrem Kind mit, dass es für eine begrenzte Zeit nicht geht, weil Sie so traurig sind. Die Wahrheit ist immer richtig. Trennen Sie in Ihrem Kopf rigoros Paar- und Elternbeziehung; auch wenn es schwer ist.

Wenn Sie der Teil sind, der gegangen ist, seien Sie ruhig distanziert, aber bleiben Sie freundlich. Halten Sie es aus, wenn Ihr*e Ex von Ihnen Dinge verlangt, die Sie nicht so wichtig finden – zum Beispiel Ordnung zu halten oder das Kind pünktlich zurückzubringen. Es ist nicht der Zeitpunkt für solche Diskussionen.

Eine kleine Übung für Sie:

Setzen Sie sich ruhig hin. Schließen Sie die Augen, und gehen Sie zurück in die Zeit, in der Sie so alt waren wie Ihr Kind jetzt. Stellen Sie sich Mutter und Vater vor, wie Ihr Verhältnis zu ihnen war, und was Ihnen Sicherheit gegeben hat. Fantasieren Sie die Zeit, selbst wenn Sie sich nicht mehr erinnern können. Wenn Sie ein Bild haben, fotografieren Sie es innerlich ab.

Jetzt machen Sie einen inneren Rollentausch mit Ihrem Kind oder nacheinander mit Ihren Kindern. Stellen Sie sich aus dieser Perspektive ihre beiden Elternteile vor, Sie selbst und Ihre*n Ex-Partner*in. Lassen Sie die Gefühle zu, die Ihnen kommen, wenn Sie sich vorstellen, wie es bisher war, und wie es jetzt gerade ist.

Fragen Sie sich in der Rolle Ihres Kindes, was Sie am dringendsten brauchen, um keine Verlustangst zu bekommen. Sagen Sie es Vater und Mutter (also Ihnen selbst). Spüren Sie nach und schreiben Sie die Sätze, die Ihnen gekommen sind, auf.

Ihr Leben geht weiter. Gönnen Sie deshalb Ihren Kindern jetzt die Zeit, sich auf die neue Situation einstellen zu können, ohne unnötige Verlustängste haben zu müssen, damit auch deren Leben mit einem Gefühl von Sicherheit weitergeht. Und wenn Sie es nicht alleine schaffen, holen Sie sich bitte Unterstützung! 


Sie haben eine Frage oder möchten sich beraten lassen? Schreiben Sie mir eine Mail an rohrbach@cw-evangelisch.de. Ich melde mich unmittelbar zurück und wir vereinbaren einen Termin für ein Telefonat oder einen Skype-Videocall. Das Angebot ist kostenfrei.

Liebe Leserin, lieber Leser: Ich freue mich über jede Rückmeldung! Wer ein Wunschthema, positive Resonanz oder kritische Anmerkungen hat, darf sie mir gerne schicken.

Kategorien Elternberatung