Veröffentlicht am Di., 14. Jul. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über ein gelingendes Familienleben im Corona-Modus.

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BLOG 88

Eine Trennung ist nicht immer ein Gegeneinander

Auch wenn Sie zu den Glücklichen gehören, die sich nicht mit einer Trennung herumschlagen müssen: Es schadet nicht, sich vorzustellen, wie es manchem Kind aus der Kitagruppe oder der Klasse gehen mag, das diese Situation erlebt und geradezu um sich schlagen möchte vor Wut und Hilflosigkeit, weil sein Leben aus den Fugen geraten ist. Zu diesem Thema gibt es zum Glück inzwischen eine Menge unterstützender Kinderbücher, die hier zusammengestellt sind:

http://www.vamv-brandenburg.de/Alleinerziehend-Tipps-Infos/Kinderbuecher-zum-Thema-Trennung-und-Scheidung:::8_41.html

Die Trennung der Eltern bedeutet für ein Kind definitiv kein Happy End in diesem Familienfilm. Das heißt aber nicht, dass es kein glückliches Familienleben haben kann, wenn die Eltern es schaffen, miteinander fair umzugehen, das Leben alleine gut zu gestalten, irgendwann eine neue Partnerschaft einzugehen und sie auch beim anderen zu tolerieren. Es gibt viele vielversprechende Modelle, in denen Kinder profitieren, weil sie Personen in ihrem Umfeld haben, die ihnen – durchaus auch auf unterschiedliche Weise – Sicherheit vermitteln.

Auch Jugendliche trennen sich, um sich weiterzuentwickeln

Ich habe mal weitergedacht. Irgendwann verlassen auch Kinder ihre Eltern und leben von ihnen getrennt. Das ist manchmal sehr hart – ob es ein Auslandsjahr noch während der Schulzeit ist (bitte, Corona, lass dich einfangen!) oder der Wegzug zu Studienzwecken. Ein Kind beginnt in der Pubertät mit dem Umbau von Leib und Seele in eine ganz eigene Richtung, die den Eltern durchaus nicht schmecken muss. Machen wir uns nichts vor: Es kann ziemlich schnell gehen und die Kinder machen ihr eigenes Ding.

Die Unterschiede in den Bedürfnissen zu erkennen, sich selbst weiterentwickeln zu wollen und nicht von „alten“ Strukturen des Elternhauses aufhalten zu lassen, ist ein verbrieftes Recht jeder neuen Generation. Natürlich lieben Eltern immer ihre Kinder und umkehrt, aber die Art der Gefühle verändert sich auf beiden Seiten.

Eine Trennung muss nicht heißen „Ich bin gegen dich“

Vielleicht kann diese Art der Betrachtung eine kleine Eselsbrücke für schon etwas ältere Kinder sein, um zu verstehen, dass die Trennung von einem Partner manchmal eine Entscheidung für sich selbst und nicht unbedingt gegen den anderen ist. Wenn ein junger Mensch früh aus seinem Elternhaus ausziehen möchte, muss das nicht heißen „Hey, ihr Eltern habt alles falsch gemacht!“, sondern kann auch bedeuten: „Danke bis hierher, ich habe genug von der Kind-Rolle und möchte jetzt meinen eigenen Weg finden“.

Auch in Partnerschaften kann man ein ähnliches Gefühl haben: Dass man sich in einer Konstellation nicht weiterentwickeln kann, immer missmutiger wird und am Ende vielleicht im Verhalten seiner eigenen Mutter oder seinem eigenen Vater ähnelt.

Man muss nicht um Beziehungen kämpfen, sondern über Bedürfnisse sprechen

Wer zu diesem Zeitpunkt den Mut und die Fähigkeit besitzt, darüber zu sprechen, gibt dem anderen und der Beziehung eine Chance, wenn sich beide entwickeln wollen. „Um eine Beziehung kämpfen“ heißt es oft; aber ich denke, man sollte mit dem Kämpfen aufhören und wieder offen für die Bedürfnisse des anderen werden. Miteinander reden ist die absolute Voraussetzung!

Es gäbe aber nicht so viele Trennungen und Scheidungen, wenn das so einfach wäre. Ein Auseinandergehen muss dennoch nicht klischeehaft in einem Rosenkrieg enden, wenn man die Beziehung gemeinsam nicht retten konnte: Die Schuldfrage ist offiziell abgeschafft, und ich gehe immer von einer 50:50-Verantwortlichkeit beider Seiten aus. Mit dieser Haltung schont man auch seine Kinder in dieser schweren Zeit. Oft klemmt es wegen ungewohnter organisatorischer Fragen und die Nerven liegen blank. – Atmen!

Vielleicht tut es weh, wenn man in Corona-Zeiten plötzlich Seiten an der Ex-Partnerin oder am Ex-Partner erkannt hat, die einen schon vorher tierisch genervt haben, aber wegrationalisiert“ wurden à la: „Die/der ist halt so“. Auch Kinder erleben ihre Eltern anders als vorher. Die Atmosphäre stimmt nicht mehr.

Bleiben Sie in Ihrer Elternrolle stabil

Vielleicht müssen wir die Zeichen der Zeit ernst nehmen, dass das alte Familienmodell in seiner Ausschließlichkeit mehr diversen Formen des Zusammenlebens weichen muss. Aber vergessen Sie dabei nicht, dass die Kinder immer diese Triade zu einer Mutter- und einer Vaterfigur für eine sichere Bindung brauchen. Finden sie sie nicht zu Hause, suchen sie sich ihre Idole draußen. 

Ich wiederhole mich: Bleiben Sie stark in der Elternrolle, auch wenn sie um die Partnerschaft nur heulen könnten oder aber am liebsten davor weglaufen würden. Ein gemeinsames Kind bleibt immer die Seele einer Verbindung und braucht Ihre Stabilität und Freundlichkeit.

Linktipp

Längst sind Patchworkfamilien alltäglich geworden. Wer wollte als Erwachsener eine Ehe aufrechterhalten, wie vor 50 Jahren üblich, nur wegen der Kinder? Doch diese sind immer noch Hauptopfer jeder Trennung, meint die Therapeutin Astrid von Friesen im Interview mit Deutschlandfunk Kultur.


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