Veröffentlicht am Fr., 17. Jul. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über ein gelingendes Familienleben im Corona-Modus.

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BLOG 91

Das Lied vom Tod – Wenn Kinder Sterben und Tod zum Thema machen

Klingt makaber? Ist aber nicht so gemeint. Ab einem bestimmten Alter stellen Kinder existenzielle Fragen und möchten wissen, was der Tod bedeutet, was eigentlich passiert, wenn ein Mensch oder Tier sich nicht mehr bewegt und der Körper verfällt. Sie möchten etwas verstehen, das in ihrem Leben bisher nicht vorkam und deshalb nicht begreifbar ist. Das ist eine große Gemeinsamkeit zwischen Erwachsenen und Kindern; nur können die ausgewachsenen Menschen schon auf ein Maß an Abstraktion und Vorstellung zurückgreifen, das Kinder erst mit zunehmendem Alter erwerben.

Ohne ein Zeitgefühl können Kinder noch nicht begreifen, was der Tod ist

Um zu begreifen, was Endgültigkeit und Unwiederbringlichkeit bedeuten, braucht der Mensch ein Zeitgefühl. Frühestens ab Beginn der Schulzeit entwickeln Kinder aber erst ein Gefühl für die Zeit. Deshalb können sie noch gar nicht begreifen, was der Tod bedeutet. Die Angst vor dem Corona-Virus ist aber ohne dieses Verständnis gar nicht zu erfassen. Gleichzeitig bietet diese Pandemie eine Gelegenheit, mehr über den Tod zu sprechen, sich dem, was wir fürchten, gedanklich, sprachlich und gefühlsmäßig zu nähern.

Wie finden wir die passenden Wörter und Begriffe für Kinder? In der Fachliteratur werden Kinder zu diesem Thema in die Altersgruppen der sehr kleinen Kinder von 3 bis 6 Jahren, der älteren von 6 bis 9, Kinder in der vorpubertären Phase von 9 bis 12 und in Jugendliche ab 12 Jahren eingeteilt. Dieses Raster hat etwas mit der Entwicklung des Gehirns und der Hormone zu tun. Die ganz kleinen Kinder ab drei Jahren verstehen nicht, dass der Opa oder Hund tot ist und nie wiederkommt; oder dass ein Mensch durch ein unsichtbares Virus in der Luft sterben und verschwinden kann.

Mit Beispielen aus der Natur kann man das Unsichtbare erklären

Das Werden und Vergehen kann nur an sichtbaren Dingen gelernt werden. Die Blätter an den Bäumen wachsen im Frühling und verwelken im Herbst; im Winter sind die Bäume kahl. Der Zyklus des Lebens ist unsterblich, die Blätter oder Lebewesen sind es nicht. Wie erkläre ich einem Kind aber, wie ein Virus vorgeht?

Auf der Suche nach einem Beispiel bin ich auf die Miniermotte und die Rosskastanienbäume gekommen. Ursprünglich lebte die Miniermotte friedlich in den Tälern des Balkans und richtete keinen wesentlichen Schaden an. Dann passierte etwas – ich habe die Landwirtschaft, den Klimawandel und die Erderwärmung im Verdacht – das die kleinen Tierchen auf die Wanderschaft schickte. In einem Jahr eroberten sie sich 40 bis 100 km des europäischen Kontinents. Mittlerweile sind sie bis auf die Britischen Inseln vorgedrungen. Da sie in ihrem neuen Lebensraum keine natürlichen Feinde haben, weil es sie dort als Futterquelle ja bisher nicht gab, konnten sie sich wunderbar in Kastanienblättern einnisten und im gefallenen Laub über Jahre ihre Nachkommenschaft sichern.

Die befallenen Bäume sterben nicht gleich, sondern ihre Blätter werden nur ausgesaugt und verwelken früh. Auch die Früchte werden kleiner. Erst nach 20 Jahren wird man wissen, wie die Langzeitschäden einzuschätzen sind. Schwache Bäume werden schneller Schaden nehmen, kräftige langsamer. Die Feuchtigkeit des Bodens spielt dabei wohl eine große Rolle: Je feuchter es ist, desto resistenter ist der Baum. So ist es beim Menschen auch. Je gesünder er lebt, desto stabiler ist sein Immunsystem und desto größer seine Stärke gegenüber Infektionen.

Zurück zur Motte: Ist die Kastanie befallen, müssen die Blätter sofort nach ihrem Herunterfallen beseitigt werden, damit es sich die Eier der Motte nicht im Boden zum Überwintern gemütlich machen können. Diese Arbeit ist vielleicht vergleichbar mit dem Tragen des Mundschutzes und der Einhaltung des Abstands bei der Bekämpfung der Ansteckungsgefahr durch das Corona-Virus: Das Virus ist nicht weg, aber die Gefahr, die davon ausgeht, ist verringert. Sie können viele Beispiele aus der Natur finden, die es dem Kind leichter machen, neue Zusammenhänge zu erfahren und zu begreifen – auch zu schwierigen Themen wie einer Pandemie oder dem Tod.

Linktipps

  • Die Macherinnen des Podcasts endlich sprechen mit ihren Gästen ausschließlich über ein Thema: den Tod. In dieser Sendung ist Trauer- und Sterbebegleiterin Moni Knese zu Gast, die lange als Sozialarbeiterin und Koordinatorin im Kinderhospizdienst der Björn Schulz-Stiftung in Berlin arbeitete. https://www.youtube.com/watch?v=5aul5AwfANY

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Kategorien Elternberatung