Veröffentlicht von Juliane Kaelberlah am Mi., 16. Sep. 2020 15:41 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 01

Sie ist wieder da!  

Der Sommer hatte viele Gesichter, und nicht alle haben eine Maske getragen, sodass man auch unschöne Züge erkennen konnte. Ich denke an die Demo am 29. August in Berlin. Dank eines vorzüglich ausgebauten Internets in Frankreich habe ich auch im Urlaub mühelos alle Nachrichten mitbekommen, die ich hören wollte oder lieber nicht.

Ich war am Altlantik in der Nähe von Bordeaux, sicher vor jedem Virus, in einem Ferienhaus zwischen Pinien. Täglich begleitete mich ein Wetter aus Sonne, Wolken, Wind, Regen und all dem wieder von vorn, sodass es keine überflüssige Hitze und noch keine herbstliche Kühle gab. Heute denke ich an diese Tage zurück und möchte über den Umgang der Franzosen miteinander schreiben.

Der Weg vom Ferienhaus zum Strand betrug fünf Kilometer auf einem Radweg durch den Pinienwald, der an mehreren Stellen streng bergauf und zwischendurch voller Juchzer bergab führte. Zum Ende der Saison nahm der Verkehr stetig ab. Zumeist französische Familien verbringen in der Region die Sommerfrische, aber auch jede Menge Jugendgruppen, die auf den fantastischen Wellen Surfen lernen. Man tut auch gut daran, nur dann mehr als knietief ins Meer zu gehen, wenn man vorher ein Surfbrett an den Knöchel geleint hat. Der Atlantik macht strenge Vorgaben. Alleine in der ersten Woche gab es drei Tote, die sich außerhalb des bewachten Strandes nicht an die Regeln gehalten haben.

Auf dem Weg zum Strand und einigen anderen Radwegen habe ich die unglaubliche Freundlichkeit der Franzosen kennengelernt. Fast alle Passanten jeden Alters grüßten freundlich! „Bonjour“ oder kurz „…jour“ oder „Bon…“, bis hin zu „Bonjour, Madame“, und schließlich, wenn ich etwas mehr Platz eingeräumt habe, damit die Familie geschlossen vorbeikam, „Bonjour, Madame, merci!“ Wenn ich im niedrigsten Gang laut ächzend den Berg im Sattel hochstrampelte, bekam ich meistens aufmunternde Worte von den Entgegenkommenden, immer mit einem solidarischen Lächeln. Selbst kleine Kinder, gerade einmal fähig, alleine ihr Zweirad zu steuern, riefen fröhlich „Bonjour“, sodass ich in einigen Wochen in Frankreich wesentlich häufiger gegrüßt wurde als zuhause im ganzen Jahr. Das hat mir sowas von gutgetan!

In den Restaurants saßen die Kinder jedes Alters zumeist ruhig am Tisch, bis sie offiziell aufstehen durften; ich hörte keine meckernden Eltern und keine quengelnden Kinder. Es sah auch niemand unglücklich aus. Die Leute sind sehr zärtlich zu ihren Kindern, gehen nahe an sie heran, lächeln, schmusen, und schon wird in Ruhe weitergegessen.

Auch was die Corona-Regeln betrifft, war ich angenehm überrascht. Niemand kam anderen zu nahe, alle trugen Masken im Supermarkt (viele sogar draußen), es gab Abstand in der Warteschlange, keine Küsschen links und rechts, aber natürlich auch Kuschelgruppen der jungen Leute am Strand.

Ich frage mich: „Wie machen die Leute das?“ (Ich will hier nicht die Franzosen idealisieren; nur diesen Aspekt herausgreifen.) Zugegeben, mein Ferienort war durchaus für wohlhabendere Leute. Man sah es am Stil und an den Mieten für die Feriendomizile; der aber durchaus noch im Rahmen lag.

Also habe ich mich nach Informationen über das Bildungssystem umgeschaut. Bisher war ich gespickt mit Vorurteilen über das strenge und verschulte System von früher Kindheit an, das auf Karriere und Leistung ausgerichtet ist und wenig Freiheit für Selbstbildungsprozesse lässt.

Und ja, die Kinder kommen, sobald sie keine Windel mehr tragen – woran auf Elternseite großes Interesse besteht – in die École maternelle, vergleichbar mit unserem Kindergarten. Übrigens ohne großartige Eingewöhnung und jedweden Zweifel an der Bedeutung früher pädagogischer Einflussnahme. Bildung ist eine nationale Angelegenheit, die seit der Französischen Revolution einen der Grundbausteine der Demokratie begründet: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ für ausnahmslos alle Kinder – egal, ob sie aus gutem Hause oder von namenlosen illegalen Einwanderern stammen.

Soetwas wie „offene Arbeit“ in unseren Kitas ist dort unvorstellbar! Die Kinder werden auf die Schule vorbereitet, lernen Kulturtechniken und die Fähigkeit zur Anpassung, Musikinstrumente zu spielen und ihr Potential zu entfalten. Das funktioniert nicht ohne Disziplin.

Vielleicht belassen wir es fürs Erste dabei, dass die Erwachsenen einfach Freundlichkeit und höfliche Manieren gelernt haben, und diese den Kindern ganz selbstverständlich weitergeben. Gemeinsame Mahlzeiten haben in Frankreich eine besondere Bedeutung, sodass die Kinder von Anfang an eine kommunikative Atmosphäre am Tisch erfahren. Das ist einfach die französische Kultur. Wer sich dafür interessiert, findet hier eine Zusammenfassung über das Bildungssystem: https://www.bpb.de/internationales/europa/frankreich/152451/franzoesisches-bildungssystem

Und nun eine Denksportaufgabe: Wie ist eigentlich unsere Kultur?  


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