Veröffentlicht von Juliane Kaelberlah am Do., 24. Sep. 2020 06:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 02

Keine Zeit für den Weg

Meine Seele reist immer noch. Immerhin bin ich insgesamt etwa 2000 Kilometer mit dem Auto nach Hause gefahren.

Was habe ich auf dem Weg erlebt? Wieder eine Diskrepanz zwischen Frankreich und Deutschland. In Frankreich gibt es ein Tempolimit mit hohen Strafen für Übertretung. Die Autobahnen sind privatisiert und kosten halb so viel Gebühren wie das Benzin. Dafür sind die Straßen in einem Topzustand, die Raststätten haben normale Preise, und der Verkehr läuft flüssig und entspannt. Die Gebühren holt man durch ökologische Fahrweise fürs Benzinsparen wieder raus.

Kaum in Deutschland angekommen, ging der Stress los. Beim Überholen klebten mir mehrfach dicke hupende Kisten an der Stoßstange, wenn ich mich nach einem Überholmanöver nicht sofort wieder rechts vor den LKW setzte. Es wurde anstrengender zu fahren; es gab leichte Staus, weil die Leute häufig auf der Überholspur blieben. Die Situation war auch gefährlicher, weil die Abstände nicht eingehalten wurden, und wahrscheinlich stieg mein Blutdruck. Ich merkte, wie ich selbst auch schneller fuhr, weil ich der Situation entkommen wollte, gehetzt von der Ungeduld anderer Fahrer (in diesem Falle eindeutig ohne *innen).

Was passiert da in den Menschen? Man weiß inzwischen, dass es nicht schneller geht, wenn man hetzt und zwischendrin bremsen muss. Lediglich der Verschleiß ist größer.

Mir fallen viele Situationen im sonstigen Alltag ein, in denen es ähnlich ist. Viel Stress ist selbstgemacht. Was ist der Gewinn? ICH komme 15 Minuten schneller zu Hause an. ICH habe die PS-Zahl meines Motors endlich mal ausgenutzt. ICH nutze die fehlende Geschwindigkeitsbegrenzung aus. Es ist MEINE persönliche Freiheit, so schnell zu fahren, wie ich kann. Wenn nun Kinder in dem einen oder anderen Auto auf der Rückbank sitzen, erleben sie dieses anscheinend gültige Wertesystem: Schnelles Autofahren scheint gut zu sein.

Der Anpassungsprozess läuft schleichend und unauffällig. Auf der psychologischen Ebene kann man sagen, dass die Empathiefähigkeit mit steigender Stundenkilometerzahl sinkt. Das egoistische System tritt in Kraft und spaltet sich von der Gefühlsebene ab. Die Aggressionen werden angeregt. Der Ärger über die „Langsamen“, die „lahmen Enten“, steigt.

Wir programmieren unsere Gehirne auf Stress und denken, dass es so sein müsste. Dass wir besonders aktiv, fleißig und zielorientiert sind, wenn wir viel Stress nachweisen können. Als lieferte das Leben nicht auch ohne unser Zutun genügend Anlässe für Sorgen und Betriebsamkeit. Abgesehen davon, dass toxischer Stress das Immunsystem nachweislich schwächt.

Apropos toxisch. Laut Umweltbundesamtwürde ein Tempolimit von 130 Stundenkilometern für Autos und leichte Nutzfahrzeuge (wie Sprinter oder Kastenwagen) eine Einsparung von 1,9 Millionen Tonnen CO2 sofort und ohne Mehrkosten bringen. Eine Begrenzung auf 120 Stundenkilometer würde sogar 2,6 Millionen Tonnen sparen sparen – das wären 6,6 Prozent weniger Emissionen dieser Fahrzeugarten in Deutschland.

Wie finden wir in den Modus eines solidarischen und kooperativen Miteinanders, das individuellen Stress reduziert und dafür den Sinn für das Gemeinwohl steigert, ohne dass Effektivität verringert wird? Wenn das Ziel „schnell fertigwerden“ oder „schnell ankommen“ durch „möglichst genussvoll erleben“ und „sicherer fortfahren“ ersetzt wird, ist der Lernerfolg, der das Gehirn prägt, ein ganz anderer. Die Möglichkeit, auch beim Fahren durch den Alltag nach links und rechts gucken zu können, erweitert den Tunnelblick zur Wahrnehmung des Erlebnisraums, den der Weg bietet – sowohl auf der Autobahn oder der Landstraße als auch im Alltag.

Wo fängt man damit an? Wie immer plädiere ich dafür, bei der Begleitung und Bildung der Kinder in einem ausgewogenen Lernfeld zu beginnen. In der nächsten Woche mehr dazu!

P.S.: Gestern bekam ich übrigens Post von meinen französischen Ordnungshütern. Ich muss bei einer unscheinbaren Ortseinfahrt tatsächlich an einem sehr diskreten Blitzer vorbeigekommen sein, der nach Abzug einer geringen Toleranz eine Übertretung von vier Stundenkilometern festgehalten hat und von mir die niedrigste „verminderte Geldbuße“ in Höhe von 45 Euro verlangt. Das wären in meinem Lieblingsrestaurant dreimal Muscheln in Weißweinsoße plus einem Glas Wein gewesen! – Mein „grünes Herz“ gibt zähneknirschend der Überweisung ohne Verzögerung statt. 

 


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