Veröffentlicht am Do., 15. Okt. 2020 06:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 05 – Gleichbehandlung ist nicht gleiche Behandlung

Jetzt wackelt es wieder kräftig im Gebälk des Hauses der Gewohnheiten. Wie interpretiere ich die steigenden Zahlen der Corona-Fälle, und wie reagiere ich persönlich darauf?

Ich neige ja dazu, herausfordernde Situationen, die ich bisher nicht erlebt habe, erst einmal als spannend zu interpretieren. Der größte Spannungsfaktor bin ich selbst mit meinen Reaktionen. Neige ich zur Ängstlichkeit, zum Trotz („Jetzt erst recht!“), zur Schuldzuweisung an andere, zur kühlen und nüchternen Analyse, oder bin ich vom Spieltrieb ergriffen und wage mit höherem Risiko mutige Experimente?

Neige ich zu Angst und Rückzug oder eher zu Mut und Tatendrang? Was bedeutet für mich „lebenswert“?

Viele Berufe lassen uns keine Wahl, weil sie Kontakte mit Menschen zum Inhalt haben. Hier kann ich nur in die Qualität und das sorgfältige Tragen der Masken investieren, um nicht unnötige Risiken einzugehen. Ich brauche aber den Tag über eine starke Konzentration auf die kleinen Bewegungen und Handlungen, über die ich sonst nicht nachdenken musste. Das kostet Energie als würde man ungewohnterweise in einer Fremdsprache reden. Es macht schneller müde und erfordert öfter eine Pause, zum Entspannen und zum Lüften. Überhaupt bekommt der ausreichende Schlaf aus vielen Gründen eine stärkere Bedeutung.

Ich mache mir Gedanken, welche Menschen ich trotz allem treffen möchte, welche Beziehungen mir Kraft geben und irgendwie gepflegt werden müssen. Im Grunde unterziehe ich seit Beginn der Pandemie mein ganzes Leben einer Revision und versuche, mehr mit „Bedacht“ zu handeln. Unsere Sprache hat so schöne Ausdrucksformen! Bedenken, bedächtig, also achtsamer vordenken. Wie viel von meiner täglichen Hektik ist wirklich nötig und wie viel ist selbstgemacht?

Mein persönliches Thema ist eindeutig. Ich komme abends nicht ins Bett und morgens müde raus. Nur drei Tage pünktlicher Nachtruhe bringen tieferen Schlaf, leichteres Aufstehen, etwas Zeit für Bewegung und das Ergebnis beim ersten Blick in den Spiegel. Da in meinem Alter jede Falte die Neigung zum Einnisten hat, freue ich mich natürlich, wenn die Augenlider morgens der Schwerkraft widerstehen. Ich tippe bei mir auf 25 Prozent mehr Energie beim Start in den Tag durch geleistete Selbstfürsorge.

Und weil jeder Mensch anders ist, unterschiedliche Abhängigkeiten, Stärken und Schwächen hat, kommt schon in einer Familie ein ganzer Strauß von Einstellungen und Verhaltensweisen zusammen. Der eine braucht mehr, der andere weniger Unterstützung bei einfachen Dingen des Alltags, um in dieser unübersichtlichen Gesamtsituation klar zu kommen.

Und jetzt kommt der entscheidende Satz: Je besser die Erwachsenen, also Sie als Eltern oder Pädagogen, ihre Selbststeuerung im Griff haben, desto leichter lernen die Kinder, sich automatisch wie beim Sprachenlernen daran zu orientieren. Man stelle sich vor, wie wenig nur noch geschimpft werden muss! Es gilt, die Festplatte des Alltags aufzuräumen und überholte Gewohnheiten rauszuschmeißen wie alte Pullover aus dem Schrank. Wir brauchen Platz für neues Verhalten, das aus dem Alltag nicht mehr so bald verschwinden wird. Wir brauchen eine solide Akzeptanz, damit unsere Kinder durch die Pandemie nicht noch unnötig traumatisiert werden. Sie werden da hineinwachsen, wenn wir ihnen einen guten Umgang mit der Situation vorleben.

Ich ärgere mich, wenn ich Dinge wie „Beherbergungsverbot“ und „verlängerte Weihnachtsferien“ höre. Das eine ist angstgesteuert und das andere einfach nur hilflos. Aber mal ehrlich, wenn Lernen ohne Fehler nicht funktionieren soll, dann ist auf der großen politischen Projektionswand auch nur die Chance für Lernschritte in vernünftigeres Handeln zu sehen.


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