Veröffentlicht am Do., 29. Okt. 2020 05:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 07Hochsensibilität – wenn die Filter fehlen

Es gibt Menschen, die über eine besondere Wahrnehmungsfähigkeit verfügen. Sie fühlen stark mit anderen, nehmen Emotionen verstärkt wahr, sind „nahe am Wasser gebaut“, geräuschempfindlich, erschrecken schnell, möchten manchmal nicht gerne berührt werden oder vertragen nichts auf der Haut. Alles ist zu viel, scheinbare Kritik wird sich schnell „zu Herzen genommen“, und überhaupt erleben sie das Dasein eher als belastend.

Wenn man diese Erscheinungen von erhöhter Empfindsamkeit positiv deutet, handelt es sich um eine Art von Spezialbegabung, die wahrscheinlich genetische, also physisch manifestierte Ursachen hat. Die Forschung ist noch nicht so weit, um wissenschaftlich relevante Ergebnisse zu diesem Thema zu liefern.

„Den Begriff (der Hochsensibilität) hat die US-amerikanische Psycho­login Elaine Aron in den 1990ern geprägt. Sie spricht von vier Indikatoren für Hochsensibilität: Betroffene haben eine niedrige sensorische Reizschwelle, sie reagieren sehr stark und schnell auf verschiedene Reize und verarbeiten sie tiefer – zum Beispiel schwingen Emotionen länger nach. Der letzte Indikator ist, dass sie reizintensive Situationen meiden.“1

Es heißt, dass die Hochsensibilität in der Bevölkerung per Selbstdiagnose um irgendwas zwischen 15 und 30 Prozent zugenommen hat. Es gibt aber auch die Annahme, dass in den letzten Jahren die Reize, nicht zuletzt durch die visuellen Medien und die Digitalisierung, in einem solchen Maße zugenommen haben, dass sie gar nicht mehr ordentlich zu verarbeiten sind. Unser Gehirn soll ja angeblich noch auf dem Steinzeitniveau von vor 10.000 Jahren hängen und gar nicht das Rüstzeug für die moderne Datenverarbeitung haben.

Ist mein Kind hochsensibel oder reagiert es einfach nur normal?

Heute kommen Kinder immer früher in die öffentliche Tagesbetreuung und haben die Aufgabe, sich von Anfang an in Gruppenkontexten bewegen zu können. Einige dieser Kinder beginnen nach einiger Zeit, auffällig zu werden, sind aktiv aggressiv oder reagieren aggressiv, ziehen sich zurück, machen nicht mit, entziehen sich, nörgeln, manipulieren, beleidigen früher nannte man das „aufsässig“ und können sich schlecht situationsadäquat anpassen.

Hm, stimmt mit den Kindern etwas nicht, oder lassen sich die Eltern auf der Nase herumtanzen und setzen nicht genug Grenzen? Was tun mit diesen Kindern und deren Eltern?

Ich wage mal ein paar Vermutungen, indem ich die Perspektive eines erdachten vier- bis fünfjährigen Kindes einnehme:    

„Ich gehe in die Kita, seit ich 2 Jahre alt bin. Meine Mama und mein Papa arbeiten den ganzen Tag und meine Geschwister gehen schon in die Schule. Papa bringt mich morgens immer in die Kita, und nachmittags holen mich Mama, Oma oder mein Babysitter ab; oder ich gehe mit einem anderen Kind mit.

Ich weiß immer nicht genau, wer mich abholt. Ich schreie dann manchmal, werfe mich auf den Boden und will mich nicht anziehen. Ich bin knatschig, sauer und aufgedreht, obwohl ich im Grunde total erschöpft bin. Mama geht mit mir meistens noch einkaufen, aber ich soll dann keine Süßigkeiten kriegen. Dann bin ich wieder sauer. Den ganzen Tag habe ich durchgehalten, und wenn ich jetzt mal was will, kriege ich es nicht. Das ist so ungerecht! Oma kriege ich immer rum. Mit der kann ich eigentlich machen, was ich will; aber es ist schön, und ich habe es auch verdient.

Fragt mal irgendjemand, was ich den ganzen Tag durchmachen muss? Meine Erzieherin ist schon wieder krank und mein Lieblingserzieher ist oft zur Fortbildung. Überhaupt wechseln unsere Erzieher häufig. Manchmal kommen welche nur für kurze Zeit; die kennen mich gar nicht und schimpfen dann dauernd mit mir.

Ich habe den ganzen Tag diesen Lärm um mich rum. Ist ja schön, dass wir uns oft aussuchen können, was wir machen wollen, aber mir ist das Rumrennen zu viel. Heute sollten wir am Tisch sitzen und was basteln. Ich hasse basteln, weil wir alle das Gleiche machen sollen. Ich möchte mich oft zurückziehen und in Ruhe was bauen, aber dann kommen immer die anderen und stören mich. Ich muss die dann immer mitmachen lassen, sonst kriege ich Ärger; aber den kriege ich inzwischen sowieso.

Neulich habe ich mich versteckt, und einmal bin ich sogar abgehauen, wollte nach Hause gehen; das gab einen riesigen Ärger.

Wenn wir mit Mama Abendbrot essen – Papa ist oft noch nicht da – dann ärgern mich auch meine Geschwister. Ich wehre mich, und dann geht das Theater weiter. Mama ist erschöpft und meint, sie müsse den ganzen Tag arbeiten, und wir sollten jetzt endlich aufhören zu streiten.

Fragt mich eigentlich mal jemand, wie hart ich den ganzen Tag gearbeitet habe, immer in der Gruppe, immer wird mit einem geschimpft, auch wenn ich selber gar nichts angestellt habe?! Immer ist Hektik; und nie kann ich in der Kita mal alleine sein und meinen Traumgedanken nachhängen.

Jetzt haben die Erwachsenen über mich geredet, dass mit mir was nicht stimmt. Ich bin völlig in Ordnung, das weiß ich; aber ich kann das Viele den ganzen Tag schlecht aushalten. – Wie soll ich mich verständlich machen?“

1 https://www.apotheken-umschau.de/Psyche/Hochsensibel-Das-ueberreizte-Gehirn-413431.html

Linktipp
www.hochsensibel.org


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