Veröffentlicht am Do., 19. Nov. 2020 05:45 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 12 – In meiner Familie ist das aber so!

Sich auf einen Partner oder eine Partnerin einzulassen, ist viel komplexer, als man denkt. Meist nimmt man es anfangs nicht so wichtig, welches Familiensystem hinter dem neuen Liebesobjekt steckt. Es ist ja der Plan, einen eigenen Weg miteinander zu gehen, vielleicht eine eigene Familie zu gründen und nach eigenen Werten zu leben, die man gemeinsam entwickelt hat.

Wenn Kinder hinzukommen, ist häufig die Erkenntnis nicht mehr zu vermeiden, dass man sich in einem großen kombinierten Familiensystem befindet. Ähneln sich die Familien in ihrer Struktur und dem Wärmegrad, ist es leichter, sich kompatibel zu fühlen. Wenn aber eine Familie groß und warmherzig ist, dicke zusammenhält, und die andere klein, eher gestört und bindungsärmer, passiert etwas sehr Interessantes: Die Partner oder der Partner mit dem sicheren Hintergrund lädt gerne ein. Er ist froh und stolz, den Partner mit in das bewährte eigene Nest zu nehmen. Und der bedürftigere Teil der Beziehung verliebt sich gleich in die ganze Familie und freut sich über die Nähe und Wärme, die er oder sie vorher womöglich nicht kannte.

Welche Familie ist die bessere?

Im Hintergrund agieren auf beiden Seiten Schwiegerväter und -mütter, Omas und Opas, Schwager und Schwägerin etc., oder eben ihre Leerstellen. Und ja, meistens fühlt sich eine Familie als die bessere von beiden. Kommt es zu Konflikten und vielleicht zu einer Trennung des Elternpaars, gibt es eine Konkurrenz, die sich in ungleichen Verhältnissen von Selbstwert und Minderwert der Partner widerspiegelt. Gleichzeitig wollen beide ihrem Kind oder ihren Kindern gegenüber gleichwürdig Vater und Mutter sein. An dieser Stelle wird häufig deutlich, welche Unterschiede und welche Fähigkeiten beide Elternteile aus ihrer Herkunftsfamilie mitgebracht haben.

Die oder der „Schwächere“ sieht sich oft Erwartungen und Ansprüchen ausgesetzt, die er oder sie vorher gemeinsam mit dem Partner erfüllt hat. Plötzlich aber soll zum Beispiel Papa in seiner Umsicht so gut wie Mama sein, und macht doch ständig Fehler, die ihm vorgeworfen werden. Oder die Partnerin soll sich wie ihre starke Schwiegermutter verhalten, deren Sohn sich vielleicht nie wirklich von ihr abgenabelt hat. – Es sind unendlich viele Szenarien denkbar!

Gewisse familiäre Muster haben sich in unser Verhalten eingegraben

Ich schreibe das, weil den meisten Eltern nicht bewusst ist, dass es sich auch um einseitige Parteinahmen und Konkurrenzen handelt, wenn ein Paar in seiner Einheit zerfällt. Viele Streitigkeiten werden nicht von den aktuellen Partnern selbst geführt, sondern sind die lautgewordenen inneren Stimmen der jeweiligen Seite, weil die familiären Wertesysteme tiefe Muster in die Seele gegraben haben.

Ich kenne kein getrenntes Paar, das nicht über kurz oder lang in irgendeiner Form um die bevorzugende Gunst der Kinder buhlt. Die Mütter oder Personen in der Mutterrolle haben wegen der Gewohnheit der sicheren Bindung meist einen Vorteil. Wer eher außerhalb arbeitet, um das Geld nach Hause zu bringen, hat auf der emotionalen Ebene schlechtere Karten und lebt in einem anderen Kosmos. 

Unterschiede, die vorher kompensiert oder ausgeglichen wurden, brechen in einem Konflikt und insbesondere bei einer Trennung, auf und werfen jeden auf seine eigentlichen Herkunftsverhältnisse mit deren Folgen zurück. Das kann Kinder in unglaubliche Loyalitätskonflikte schleudern, weil sie Angst haben, das Elternteil zu verlieren, das sich als „schwächer“ in seinem Familiensystem herausstellt. Hier ist es sehr wichtig, Paarbeziehung und Elternbeziehung deutlich zu trennen. 

Jeder braucht seinen Lernprozess – und Zeit

Manche Väter oder Personen in der eher traditionellen Vaterrolle brauchen Zeit, um Erfahrungen nachzuladen und eine eigene Identität als Bezugsperson zu entwickeln. Der Lernprozess derjenigen in der Mutterrolle erfordert, loszulassen und dem Gegenüber seinen Spielraum zu gewähren. 

Manchmal macht es die Situation leichter, wenn man sich klarmacht, dass es kein persönliches Versagen des anderen Elternteils sein muss, wenn etwas nicht klappt, wie man es sich vorstellt, sondern dass das Verhalten ein Produkt der bisherigen Familienverhältnisse ist. Und ja, wir haben uns einmal in die andere oder den anderen verliebt – und nicht den Stammbaum überprüft. 

Das Kindeswohl ist das höchste Ziel 

Auch wenn es schwierig auszuhalten ist: Das eigene Kind liebt immer beide Elternteile und will beide behalten. Der auf der Paarebene entstandene Graben sollte auf der Elternebene mit neuen Erfahrungen aufgefüllt werden, damit das Kind eigenständig hin und her gehen kann. Es braucht beide Elternteile – jedenfalls, wenn nichts Schwerwiegendes vorgefallen ist. 

Diese Prozesse brauchen Zeit. Und je mehr Sie Güte und Vertrauen Sie statt Konkurrenz und Eifersucht in die Beziehung zum Ex-Partner einbringen, desto schneller und besser laufen die Lernprozesse ab und schmelzen die nervigen Widerstände beim Gegenüber. Diese Zusammenhänge zu begreifen, ist den meisten, die sich in einem (Trennungs-)Konflikt befinden, alleine nicht möglich. Holen Sie sich deshalb Hilfe, wenn Sie merken, dass Sie in der Aggression feststecken und Recht behalten wollen, wo es nicht um Recht geht. – Sie schaffen das, wenn Sie Ihr Kind lieben!


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