Veröffentlicht am Mo., 30. Nov. 2020 23:59 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 15 – Was wäre, wenn … – Ein Tausch- und Gedankenspiel 

Klein-Mischa muss an einem leicht verregneten Sonntagmorgen von weitem einen Streit seiner Eltern mithören. Es geht mal wieder ums Geld. Mama meint, Papa würde sich von seinem Chef zu viel unbezahlte Arbeit aufhalsen lassen und nur noch vorm Rechner sitzen, ob im Büro oder manchmal zu Hause im „Homeoffice“.  

– Er sei nun mal in der IT-Branche und würde schließlich gutes Geld verdienen, entgegnet sein Papa, und den folgenden Nachsatz brauchte er gar nicht auszusprechen, denn seine Mama reagierte schon wütend darauf. Ja, sie wisse, dass sie als Krankenschwester genauso ausgebeutet und obendrein viel weniger verdienen würde …; aber sie liebe ihren Beruf auch und wolle „zur Not“ immer unabhängig sein. Außerdem brauche Mischa mehr von seinem Papa, denn er sei ja ohnehin schon ein grüblerisches Kind, wie die Lehrer in der Schule bereits am Anfang seiner Schulkarriere sagen …  

Mischa ist ein Einzelkind, also schließt er in dieser nicht unbekannten Situation traurig seine Zimmertür, denn seine Hoffnung, dass einer von beiden, oder vielleicht sogar beide, mit ihm spielen werden, geht gegen Null. Es würde bestimmt bis zum Mittagessen dauern, bis die Luft wieder rein ist. Wie zu erwarten war, muss Mama erst einmal eine Runde Laufen gehen und Papa wird sich über die Sonntagszeitung hermachen.  

Nach einer halben Stunde tatsächlichen Grübelns setzt sich Mischa zu seinem Papa auf die Couch und fragt: „Papa, was wäre eigentlich, wenn es von einem Tag auf den anderen, also ganz plötzlich, kein Geld mehr gäbe? Also gar nichts mehr, nichts zum Anfassen und nichts auf dem Papier! Dann müsstet Ihr Euch nicht mehr streiten. Und andere auch nicht!“ Mit dieser Erkenntnis strahlt Mischa seinen Vater fragend an.  

Dieser lässt die Zeitung sinken, schaut beschämt zur anderen Seite und weiß intuitiv, was jetzt auf ihn zukommt. Sie gehen beide ins Kinderzimmer und legen sich alle möglicherweise benötigten Handwerkszeuge bereit: die Playmobil-Figuren, das große Malpapier, Stifte, Papas alte Karteikarten, Tesafilm, Tesakrepp, Kleber, alten Pappen und Scheren. Das Tablet liegt ehrlicherweise auch in der Nähe, falls es Informationen einzuholen gilt.  

Zuerst muss herausgefunden werden, wie sie ohne Geld zu ihren Nahrungsmitteln kommen werden, wer „die Hütte“ instand hält und was sie selbst anzubieten hätten. Am Anfang wissen sie überhaupt nicht, worauf es hinausläuft. Sie spielen einfach los und haben bis zum Erscheinen einer verschwitzten, aber deutlich entspannteren Mutter einen ganzen Tauschmarkt mit einer Art „Optionshandel“ zusammengestellt.  

Sie haben einen Markt aufgebaut, Stände gebastelt, Tische und Schilder aus Wellpappe und Zahnstochern gebaut. So entwickelt sich peu à peu eine ganze Landschaft von Plätzen, an denen Tätigkeiten getauscht werden können.  

Es wird ein sehr langes Spiel, eine Art mittelalterliches Science Fiction-Szenario (noch über den Sonntag hinaus), wobei Mischa am Ende, der Einfachheit halber, das Geld wieder einführen will. Aber er entsinnt sich sehr schnell, was der Preis ist. Also freut er sich trotz einiger unlösbarer Probleme innerhalb des Spiels daran, dass er für die ganze Familie rund ums Jahr die Gemüsekiste sichern würde, weil er in den Ferien bereitwillig beim Bauern die Pferde striegelt (was er schon immer mal machen wollte, aber noch keine Gelegenheit hatte).  

Zum Abendessen hatte Mischa die dreifache Portion vertilgt, weil sein noch wachsendes Gehirn Unmengen von Kalorien verfeuert und zigfache neue synaptische Verbindungen geschaffen hatte. Nach der ersten vorgelesenen Buchseite ist er tief eingeschlafen.  

Seine Eltern sitzen auf der Couch und schauen nicht den Tatort, sondern reden über den denkwürdigen Tag. Ihr Sohn hat ihnen eine Lektion erteilt. Was nützt alles Einkommen, wenn die gemeinsame Zeit in der Familie von Hektik, Stress und Streitereien verschlungen wird?  

Puh! Und dann holen sie sich Papier, Stifte und Kärtchen und fangen an, ihre Optionen im Leben einmal durchzuchecken. Welche Träume haben sie eigentlich? Sie sind ja noch nicht alt und können noch alles Mögliche ändern! Und im Grunde hänge er auch gar nicht so an genau diesem Job, meint Mischas Vater. Ohne seinen Sohn wüsste er gar nicht, wie kreativ er sein kann …  

Es wird ein etwas zu langer Abend, doch er hat sich gelohnt, denn sie haben mal wieder Visionen miteinander entwickelt, und trotz aller belastenden Realität in 2020, über ihren Tellerrand hinaus geschaut. Was wäre, wenn … das Geld nicht zum dauerhaften Mittelpunkt des Lebens wird?


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