Veröffentlicht am Do., 26. Nov. 2020 05:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 14 – Ruhe und Muße im Advent: "Einsam und frei wie ein Baum, brüderlich wie ein Wald"

Ich habe diese wunderschönen Fotos von Freunden geschickt bekommen und sofort gedacht, dass ich dazu einen Text schreiben möchte. Leon(ardo) sitzt im Schneidersitz auf dem Boden und bemalt sich in tiefer Konzentration selbst, aber nicht ungelenk oder spontan, sondern wohl durchdacht und in voller Absicht. So sieht es aus. Er hat seinen Platz auf einer großen Folie auf dem Wohnzimmerteppich eingenommen, Farben und Pinsel in Reichweite zur Verfügung und offensichtlich eine große Ruhe und Konzentration in sich.

Leonardo wächst mehrsprachig auf und hat schon vor seinem zweiten Geburtstag eine ganz eigene Sprache entwickelt, mit der er einen unglaublich erwachsen wirkenden Charme versprüht, wenn er versucht, seinen Erwachsenen die Welt zu erklären, so wie er sie wahrnimmt. - Was geht wohl in seinem kleinen Kopf vor?  

Im Sommer bekam er ein Schwesterchen, und Corona sei Dank, sehr viel mehr Zeit mit Mama und Papa, als es sonst möglich gewesen wäre! Der Opa hat die Eingewöhnung im Kindergarten gemacht, und so hat der Kleine die erste Phase der Eifersucht insgesamt ganz gut überstanden, weil er trotz der Entthronung als einziger Prinz ziemlich viel Zuwendung bekommen konnte.  Auf dem anderen Foto sieht es aus, als würde er beiläufig die Stirn seines kleinen Schwesterchens streicheln und mit ihr gemeinsam den Mobile-Wald über sich betrachten.

Vielleicht erzählt er ihr auch in seiner Sprache, was sie gerade in der bunten Welt erleben. Und dann betrachtet er sie ganz genau, beschützend - manches andere Mal sicher auch nicht ganz so sanft - weil die Übung im Umgang mit Schwächeren den Meister macht.  

Für mich strahlen die Bilder eine unglaubliche Ruhe und Muße aus, die wahrscheinlich jeder von uns zwischendrin immer wieder mal erleben möchte. Kinder haben kein Zeitgefühl, sie verharren im jeweiligen Moment, auch wenn es von außen häufig viel dynamischer aussieht.  

Am kommenden Wochenende ist schon der 1. Advent, unsere Kontaktmöglichkeiten sind beschränkt und werden es vorläufig bleiben, große Familienfeste sind offiziell nicht erwünscht, und vielleicht öffnet sich dadurch ja in mancher Familie die Chance, einmal ein Weihnachtsfest zu planen, bei dem wir alle Zeit der Welt haben! - Why not?  

Ich höre von mancher Seite - so ein bisschen hinter vorgehaltener Hand - dass es vielleicht endlich mal ein Weihnachten für die eigene Kernfamilie gibt, ausnahmsweise ohne Groß- und Schwiegereltern, Onkel und Tanten, Schwager und Schwägerin, sondern mit eigenem Baum und Schmuck und einem Weihnachtsessen nach ausschließlich eigenem Geschmack. Ist es schlimm, sich das auch mal zu wünschen und zu genießen? Muss das Weihnachtsfest im familiären Rahmen immer gleich ablaufen? Wer bestimmt eigentlich, wie es läuft? Sind sich wirklich alle einig?  

Und sollte das Elternpaar getrennt sein: Welche Varianten gibt es, um möglichst viel kontemplative familienfestliche Ruhe und Konzentration möglich zu machen, damit die Kinder ihr Geborgenheitsgefühl nicht verlieren und irgendwann nur noch auf die Geschenke fixiert sind?  

Vielleicht bietet sich in diesem Jahr für diejenigen, die es gewöhnt sind, in großer Runde - auch mit großer Freude und Nähe - gemeinsam zu feiern, trotzdem mal eine Gelegenheit, ein anderes Modell auszuprobieren. Es muss sich nicht defizitär anfühlen, sondern vielleicht dem eigentlichen Sinn des Weihnachtsfestes genauso nahe oder sogar näher.  

Weder geradeaus, um die Ecke, diagonal oder quer, sondern geschmeidig und flexibel zu denken, könnte eine gute Übung für zukünftige Zeiten sein, in denen ein ökonomischer und ökologischer Wandel nicht mehr aufzuschieben ist. Aus der Sicht der kleinen Menschen geht es wahrscheinlich hauptsächlich um diese Momente von Autonomie und Geborgenheit wie auf den Fotos, nur am Weihnachtsfest  bunter, prickelnder, auf eine bestimmte Art duftend, und festlicher mit passenden und überschaubaren Geschenken.  


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