Veröffentlicht am Do., 3. Dez. 2020 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 16 - Ab in die Kiste! Der etwas andere Adventskalender

Neulich ist mir in einem Beratungsgespräch ein alter Trick von mir eingefallen. Ich hatte phasenweise verschiedene kleine Zettelkästchen für verschiedene Bedürfnisse. Es fing an mit einer Wunschbox. Alle wichtigen und unerreichbar erscheinenden Wünsche hatte ich auf einzelne Zettel geschrieben und hineingetan. In einer anderen Etappe meines Lebens ging es mehr um das Loslassen: Alles, was in meinem Kopf seine Runden drehte, aber auch mit aller Mühe nicht zu ändern war, kam auf den Zettel und wurde abgelegt.  

Als ich neulich selbst zur Supervision war, schlug mir meine Supervisorin vor, die ganzen ungelösten Konflikte mit Kolleg*innen, alten Gram, der manchmal noch hochploppte oder Ungerechtigkeiten, die ich in alten Arbeitsfeldern erfahren hatte, einfach mental in eine Kiste zu stecken und erstmal in den Keller zu bringen, bevor ich sie in die Tonne werfen würde. Das Loslassen von den unbefriedigten Seiten meines jahrzehntelangen Berufslebens in verschiedenen Feldern! Das Bild gefiel mir und erinnerte mich an meine alten Zettelkästen.  

Ich beschloss, das Prinzip wieder aufzunehmen und meine Vorstellungen zu konkretisieren. Da ich mich von hübschen Schächtelchen und Döschen schwer trennen kann, habe ich immer einen Vorrat solcher Behältnisse. Und weil ich mittlerweile in einem Alter bin, das man freundlich „über den Berg“ nennen könnte, hat sich von beidem einiges angesammelt. Ich wählte eine größere, schmucklose Schachtel aus Wellpappe in Postkartengröße, in die viele Zettel reinpassen; denn mittlerweile geht es nur noch darum, alten Ärger, böse Sätze, die mir auf der Zunge lagen, aber nie ausgesprochen wurden, und überholte Vorstellungen von meinem Leben noch einmal kurz zu betrachten und als „ausgedient“ aus meinem Leben zu entlassen. Es ist verrückt, wie viel mir dann doch eingefallen ist, als ich erst einmal angefangen habe, mich an kleine und größere Kränkungen, die nie gerächt oder gesühnt wurden, zu erinnern.  

Ich hatte von diesen Kistchen noch drei gleiche im Büro stehen. Die erste war klar für die Entsorgung des nie aufgelösten Nachgetragenen da. Ich hatte mich selbst zwar nie als nachtragend empfunden, vergessen hatte ich die Einzelheiten dann aber doch nicht. Also den vollständigen Satz auf den Zettel und rein damit! Darauf stand zum Beispiel. „A. hat versucht, mich auf hinterhältige Weise wegzumobben!“ Ich weiß ja gar nicht, ob meine Wahrnehmung von damals stimmte – es lässt sich ja nicht mehr überprüfen – aber der Stachel saß noch irgendwo eingewachsen in meiner Seele. – Raus und weg damit!  

Wie von selbst ergab sich der Inhalt der zweiten Kiste: nämlich die Wünsche, wie ich mir mein weiteres Leben vorstelle, was von heute aus betrachtet der richtige „Move“ ist, wie man neudeutsch sagt. Da ist noch Luft nach oben in der Kiste!

Dann schaute ich auf die dritte Schachtel und überlegte, was da hineingehört. Oh ja! Das war die Scham. Wofür habe ich mich geschämt oder schäme mich heute noch manchmal, wenn ich nur dran denke? Es gibt uralte Situationen, die mir bis heute zutiefst peinlich sind. „Ich habe mir in der Grundschule einmal vor Schreck in die Hose gemacht.“ – „Ich wollte einem interessanten Mann so gerne gefallen und habe eine saudumme Frage gestellt, die ich sofort bereut habe!“ Oder: „Ich habe in der Prüfung die Antwort auf eine ganz einfache Frage nicht gewusst.“ Und vieles mehr.  

Und wo ich das hier alles so schön aufschreibe, fehlt mir die vierte Schachtel. Da muss ich wohl ein anderes Modell auswählen, ein bisschen hübscher und edler; vielleicht die alte Teekiste mit Goldrand, die zu Hause steht und auf neuen Inhalt wartet: „Worauf bin ich richtig stolz in meinem Leben?“ – „Was habe ich einfach gut hingekriegt und kann bis heute aus diesem schönen Gefühl schöpfen, wenn ich nur daran denke?“ Dass ich da nicht gleich draufgekommen bin! Mein Selbstwert, auf den ich jederzeit zurückgreifen kann, wenn ich ihn für neue Abenteuer brauche! Meine Schätze des Lebens, die mir kein Drache mehr klauen kann, weil sie zu mir gehören!  

Ich bin hochzufrieden mit der Ausbeute des heutigen Tages, weil ich in der Beratung einen guten Tipp gegeben, mich im Gespräch daran erinnert und selbst in dem Augenblick davon profitiert habe. Geben und Nehmen in einem Prozess, um sich zu befreien und offen für die neuen Erlebnisse zu sein. Jetzt will ich nur noch im Alltag dran denken und meine Zettelwirtschaft weiterführen. Vielleicht habe ich ja gerade eine ganz neue Art von Adventskalender erfunden?


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