Veröffentlicht am Do., 17. Dez. 2020 00:15 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 20 – Das Weihnachts-Dilemma und eine kleine Lösung

Weihnachten hat eine unumstößliche Bedeutung in unserer christlichen Kultur. Die eine oder andere Mutation in Richtung Konsum und Kaufrausch hat nach meinem Verständnis ihre ursprüngliche Wurzel in den Gaben der Heiligen Drei Könige, die das kleine Jesuskind in der Krippe besuchen. Weiter wage ich mich nicht auf theologisches Terrain, aber ich habe verstanden, dass es sich beim Schenken um eine Zeremonie handelt, die in unserem kollektiven Unbewussten tief verankert ist und alle Jahre wieder bedient werden möchte.  

Auch eine Pandemie kann die Menschen nicht vom Schenken und vorher vom Kaufen abhalten. Trotz der Aufrufe, die letzten beiden verkaufsoffenen Tage nicht bis zum Anschlag zu nutzen, war auf den Haupteinkaufsstraßen der Teufel los! Außerdem hat es in den vergangenen Jahren insgesamt nicht so häufig an meiner Tür geklingelt wie in diesen Pandemie-Zeiten, weil der Paketbote für die Nachbarn etwas abgeben wollte. Ich selbst vermeide aus verschiedenen Gründen Bestellungen über amazon und staune immer wieder, wie alleine ich mit dieser Haltung in meinem Haus zu sein scheine.  

Dieses Jahr stehen durch die Pandemie am Weihnachtsabend alle gewohnten Rituale unter Verbot oder zumindest zur Disposition: keine Veranstaltungen und Konzerte, kein Theater, Tanz und keine größeren Familienfeste. Nun stellt sich in den Gemeinden auch die Frage, ob die Gottesdienste - häufig für viele Leute anlässlich des Weihnachtsfestes der einzige Kontakt zur christlichen Kirche - in hygienisch geplanter und abgespeckter Version, in irgendeiner Form stattfinden sollen. Das Gesetz erlaubt auch jetzt die Möglichkeit, aber die Landeskirche macht keine eindeutigen Vorgaben. Fakt ist: Man wird es mit keiner Entscheidung allen Menschen Recht machen und Enttäuschungen vermeiden können. Das ist ein Dilemma für viele Gemeinden, für das es keine richtige Lösung gibt.  

Meine Position ist eindeutig: alles dicht machen und das Virus so weit und so schnell wie möglich aushungern, damit unsere Regierung Zeit hat, mit vernünftigen Konzepten und digitalen Aufrüstungen die nachhaltige Kontrolle über das pandemische Geschehen wiederzugewinnen. Jedes kleine Futter für den inneren Schweinehund, der „Gewohnheit“ heißt, weicht die Eindeutigkeit der Kontaktvermeidung auf.

Nun gibt es viele Menschen, die alleine leben und wenige oder keine sozialen Kontakte mehr haben. Für viele von ihnen haben die Gottesdienste, gerade zur Weihnachtszeit, eine haltgebende Bedeutung. Für sie ist es bitter.

Ich habe lange überlegt, ob ich unter meinen Weihnachtsbrief schreibe, dass sich meine Leser*innen und Klient*innen bei gefühlten Katastrophen auch in dieser Zeit an mich wenden dürfen. Ich habe mich dafür entschieden, weil ich weiß, dass es einem schon allein helfen kann, zu wissen: Es ist jemand da. Ich fühle mich gerne wie „eine sichere Bank“ (Achtung, Teekesselchen!), auf der man sich niederlassen und eine als schwierig wahrgenommene Situation mit jemandem betrachten kann, der/die eine andere Perspektive hat. Das Innehalten, das Atmen, das Alte loslassen, Neues empfangen, die Kraft aufbringen, sich wiederaufzurichten und verbunden zu fühlen. Und geht es nicht auch zu Weihnachten darum, sich im Alleinsein mit allen verbunden und nicht einsam zu fühlen? Dafür werden Menschen gebraucht, die durch Gespräche eine Brücke bilden.  

Jede*r hat seinen eigenen Glauben, denn ich bin davon überzeugt, dass- mit Erich Fromm gesprochen - jeder Mensch ein spirituelles Bedürfnis hat. Die einen glauben je nach Konfession an ihren Gott, an Jesus, sind christlich, jüdisch, muslimisch, buddhistisch oder etwas ganz anderes. Und ja, sogar der Atheismusmus hat etwas von einem Glauben.  

Mir geht es um das innere Gefühl von Berührtsein und Transzendenz, einem Gefühl universeller Liebe. Ich plädiere also unter den aktuellen Lockdown-Bedingungen im kirchlichen Rahmen für kreative und offene Formen, sichtbar durch offene Türen, Musik in der Luft, digitale Veranstaltungen und konkrete Personen, die ansprechbar sind, um diesen, hoffentlich einmaligen, Verzicht auf so viel Vertrautes, kompensieren zu können. „Aufgeschlossen sein“ für das, was möglich ist, ohne Ansteckungen zu riskieren; das könnte der wichtige Lernprozess für uns alle sein.


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Liebe Leserin, lieber Leser: Ich freue mich über jede Rückmeldung! Wer ein Wunschthema, positive Resonanz oder kritische Anmerkungen hat, darf sie mir gerne schicken. 

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Kategorien KK-Blog Familiensinn

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