Veröffentlicht am Fr., 1. Jan. 2021 14:15 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 23 – Was geht, was bleibt, was trägt uns?

Heute ist der erste Tag des Jahres 2021. So richtig will sich die Euphorie noch nicht einstellen. Ich bin mit dem Aufräumen, Auflösen und Loslassen alter Berge von ungebrauchten Gegenständen, Klamotten, dem Vernichten von Akten und leider, auch dem Ausräumen alter Konflikte, nicht ganz fertig geworden. Wird man jemals fertig damit?  

Ich gestehe, dass mich heute eine gewisse Trägheit erfasst hat, eine Erschöpfung, die wahrscheinlich aus dem vergangenen Jahr resultiert. Was mussten wir uns alles draufschaffen und verändern! Und anderes seinlassen, ins Schneckenhaus des Homeoffice verschwinden und vor allem auf alle selbstverständlichen Berührungen im Alltag verzichten, wenn wir den Corona-Regeln Folge geleistet haben. Jetzt liegen noch zwei bis drei harte Monate vor uns, solange die Tage noch kürzer und die Temperaturen niedrig sind.  

Wenn ich anfange, Selbstmitleid zu entwickeln, brauche ich bloß an die Situation der Menschen in den Flüchtlingscamps in Griechenland, Bosnien und wo auch immer zu denken. Nicht vor oder zurück zu können, von niemandem in der Welt gewollt und den menschlichen Aggressionen und Ausgrenzungen ausgeliefert zu sein, ist etwas, was mich in den Wahnsinn treiben könnte, wenn ich dem Gefühl empathisch nachgebe. Nein, es geht uns im weltweiten Vergleich hervorragend. Mir dauert das hier nur alles zu lange. Mir fehlt die Entschiedenheit der Politik, diesen Menschen wirklich helfen zu wollen. Wie viele von uns sind Nachfahren von Einwanderern? Wie ging es den Exilanten in der Nazizeit? Sie waren in der Fremde auch auf Hilfe von außen angewiesen! Ich denke an die Luftbrücke nach Berlin gegen den Hunger nach dem Krieg.  

Leider helfen diese Vergleiche wenig, um die eigenen Gefühle und Nerven unter Kontrolle zu bekommen. In vielen Familien brennt es, die Kinder sind irritiert und lassen sich nicht beruhigen. Die Eltern trennen sich oder spielen mit dem Gedanken, weil sie die Koordination der unterschiedlichen Bedürfnisse nicht in den Griff bekommen. Die Kommunikation ist eher rivalisierend, häufig auch, weil einfach die Sprache fehlt. Vielleicht müssen wir aus der Zeit des wachsenden materiellen Wohlstands und der endlos erscheinenden individuellen Freiheiten resümieren, dass diese gesellschaftliche Entwicklung verhindert hat, Selbstkontrolle, Auseinandersetzungsfähigkeit und Solidarität zu erlernen. Das hatte ich schon in den 70er Jahren in der Schule im Deutschunterricht: Dass die Werbung, die angenehme Gefühle mit dem Kauf eines Produktes verspricht, genau diese durch den Konsum verhindert.

Wir sollten, müssen von vorne anfangen, wenn wir den Kindern in unserer Gesellschaft für die Zukunft eine sichere Basis schaffen wollen. In den Familien müsste eine Inventur gemacht werden, was alles an Ressourcen vorhanden ist, was trägt und was fehlt. Die romantische Liebe, die uns in Film, Fernsehen und durch Werbung vorgespielt wird, ist nur ein hormongesättigter Einstieg in ein Projekt, in dem bleibende Liebe erarbeitet werden will. Ich gehöre selbst zu den „Familien-Versagern“ und versuche, wenigstens beruflich meine erst später gewonnenen Erkenntnisse einzubringen.  

Vielleicht hilft die andauernde Verlangsamung durch Corona, um sich die Zeit zu nehmen, gemeinsam das innere „Familien-Haus“ zu renovieren?  

Ein paar unterstützende Fragen an sich selbst:  

  • Was bringe ich in die Familie oder Partnerschaft an kooperierenden Verhaltensweisen ein?
  • Welche Wünsche habe ich an eine Familie oder Partnerschaft?
  • Welche Bedürfnisse stecken dahinter, die bisher nicht befriedigt wurden?
  • Was brauche ich, um mich in einer Familie oder Partnerschaft sicher zu fühlen? 

Was nehme ich beim anderen wahr?  

  • Was bringt er/sie in die Familie oder Partnerschaft an kooperierenden Verhaltensweisen ein?
  • Welche Wünsche nehme ich beim/ bei der Partner*in wahr?
  • Welche Bedürfnisse vermute ich dahinter, die bisher nicht befriedigt wurden?
  • Was brauche ich, um dem/der anderen wirklich zuzuhören? 

Und das Kind/die Kinder ist/sind auch im Boot.  

  • Welche Bedürfnisse nehme ich bei meinem Kind/meinen Kindern wahr?
  • Was spiegelt mir mein (jeweiliges) Kind, was ich oder wir bisher noch nicht in mir/uns bearbeitet habe*n?
  • Was brauche*n ich/wir, um unserem Kind/unseren Kindern ein Gefühl von nachhaltiger Sicherheit zu geben?
  • Gelingt es mir/uns, eine erwachsene Emotionalität als Eltern zu entwickeln und über all das miteinander zu reden? 

Ein gesundes, liebevolles, engagiertes, mutiges und kreatives neues Jahr für die anstehenden Wandlungen in unserem Zusammenleben auf diesem Planeten !!!


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Kategorien KK-Blog Familiensinn

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