Veröffentlicht am Do., 7. Jan. 2021 05:30 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 25 – Nachdenken über Streit oder: Rechthaben oder Lieben

Ich bin selbst nicht heilig und nicht unbehelligt von strittigen und verstrickten Situationen. Aber habe den Ehrgeiz - ganz im Sinne einer guten Mediatorin - jegliches emotionale Kuddelmuddel zu lösen und mir und dem jeweils anderen seine Freiheit zuzüglich emotionaler und kognitiver Reifung zu ermöglichen. Trotzdem passiert es auch mir immer wieder, dass mein Selbstbild nicht mit dem Fremdbild übereinstimmt, das Menschen von mir haben, mit denen ich zu tun haben möchte. Allein die Filter des persönlichen Gedächtnisses lassen Polarisierungen ihren freien Lauf.

Das Aufeinanderprallen verschiedener Sichtweisen ist ein Streitfaktor in vielen Beziehungen - ob die Menschen zusammen oder bereits getrennt sind: „Ich gebe mir Mühe, respektvoll mit dir umzugehen und komme dir ständig entgegen, aber du machst, was du willst und wirst auch noch pampig!“ – „Und du willst mich ständig erziehen und mir vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe; das geht mir auf die Nerven und macht mich ärgerlich!“

So, da haben wir den Salat. Aus ihrer jeweiligen Perspektive haben vermutlich beide recht; aber was nützt es ihnen, wenn sie sich nicht unabhängig voneinander wahrnehmen können?

Auch Ich-Botschaften können ein Angriff sein

In der wertschätzenden Kommunikation geht es darum, von sich und seinen Gefühlen in der sogenannten Ich-Botschaft zu sprechen. „Entschuldige bitte, aber ich habe dein Verhalten als übergriffig empfunden, und ich bitte dich darum, das in Zukunft nicht mehr zu tun.“ Gegen den Satz ist an sich nichts einzuwenden, wenn nicht das Wort „übergriffig“ beim Gegenüber bereits einen verhängnisvollen Frame aufgerufen hätte, der gnadenlosen Widerstand gefolgt von Aggressivität auslöst.

Wie kann ich aus dieser Zwickmühle herauskommen? „Ich sage doch nur, was ich fühle, verdammt nochmal!“ Um ehrlich zu sein: Meine ganze Ausbildung und Eloquenz, der Durchblick und das analytische Vermögen, eine Situation von beiden Seiten erkennen zu können, nützt mir gar nichts, wenn mein Gegenüber - aus welchen Gründen auch immer - (noch) nicht dazu in der Lage ist, dies ebenfalls zu tun. Die Themen können wechseln, aber in dem Moment, in dem ich mein Gefühl der Abgrenzung äußere, kann ich beim anderen alte Kränkungen antriggern, die nicht unbedingt etwas mit mir zu tun haben müssen.

Was wissen wir eigentlich voneinander?

Ich bin ja Fan von den Zwiegesprächen nach L. M. Moeller. Da wird einfach nicht diskutiert, sondern nach der Grundannahme „Ich bin nicht du und weiß dich nicht“, davon ausgegangen, dass das Zuhören der Schlüssel zur Lösung der immer wieder eskalierenden Dynamik ist. Wir wissen im Grunde wenig voneinander, denn wir erkennen Facetten von uns selbst meist erst durch unsere emotionalen Reaktionen auf einen vermeintlichen Angriff von außen, wie freundlich und professionell er auch immer geäußert wird.

Höre ich jetzt auf, über meine Gefühle und meine Bedürfnisse zu sprechen, und nach den Regeln der wertschätzenden Kommunikation gegebenenfalls eine Bitte zu äußern? Nein, das sollten Sie und ich nicht tun. Aber vielleicht sollten Sie erkennen, dass der/die andere sein Selbstbild aufrechterhalten möchte und einen Gesichtsverlust, eine Niederlage befürchtet. Vielleicht taucht auch sowas wie Scham am Horizont auf, etwas falsch gemacht zu haben, es aber nicht zugeben zu wollen.

Ja, Beziehungsgespräche nerven - aber sie sind nötig

Überhaupt, diese ganzen Beziehungsgespräche sind einfach nervig! - Ja, Sie brauchen Nerven dafür, und Geduld. Noch wichtiger ist, dass Sie wissen, wo Sie hinmöchten. Bedeutet Ihnen der Kontakt oder die Beziehung etwas? Dann sind Sie wahrscheinlich eher bereit, im Vertrauen zu sich selbst erst einmal zu akzeptieren, dass die Bedürfnisse zweier Menschen unterschiedlich sind. Und: dass sie nicht parallel zur selben Zeit auftauchen müssen.

Das Sprichwort „Der Klügere gibt nach“ mochte ich noch nie. Ich halte es für falsch bzw. unzureichend, weil das Gegenüber straucheln könnte, wenn ich nachgebe; und beim nächsten Mal wird es unter Umständen noch schlimmer!

Der/die Klügere (falls das überhaupt was nützt), gibt nicht auf, sondern hält aus. Der/die Liebende (im weitesten Sinne) behält die gemeinsame Perspektive im Auge und gibt Halt, aus sich heraus, im Vertrauen, dass es sich lohnt. Und wenn es sich nicht lohnt? So what?! Dann habe ich mir wenigstens nicht vorzuwerfen, dass ich nicht mein Bestes gegeben habe.

In unserer Welt ist soviel zu reparieren und neu zu gestalten, dass ein Kampf bis auf die Knochen, ob das gemeinsame Kind noch einen Nachmittag beim Vater verbringen darf oder nicht oder ob der Unterhalt gerechtfertigt ist oder, oder ... nicht lohnt.

Halten Sie inne, wählen Sie den weiten Blick, atmen Sie durch, schauen Sie hin, hören Sie zu, halten Sie die Spannung und schicken Sie Ihr verletztes inneres Kind nach hinten in die Kinderstube; hier geht es gerade um Erwachsene. So können wir unsere Welt, wie wir sie wahrnehmen, tatsächlich verändern


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Kategorien KK-Blog Familiensinn

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