Veröffentlicht am Do., 28. Jan. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 31 – „Im Grunde gut“ (entliehener Titel von Rutger Bregman)

Wir brauchen Wünsche, Hoffnung, Zuversicht und Ziele, für die es sich zu leben lohnt. Die Japaner nennen es „ikiga“ – der Lebensinn, etwas, wofür es sich lohnt, morgens aufzustehen. Hat man sein „ikigai“ gefunden, dann erfüllen Lebensfreude und -energie den Tag bis zum Ende, heißt es.  

Die Frage ist: Wer bestimmt, ob der Sinn meines Lebens ein positives oder ein negatives Resultat hat? Wenn ich das Fernsehen anstelle, sehe ich in den meisten Programmen, Filmen und vielen Serien niederschmetternde Nachrichten oder wütende, mordende oder Morde aufklärende, in der Mehrheit männliche kämpfende Wesen, denen man durch schreckliche Episoden folgen kann, in der Hoffnung auf ein erlösendes ‚Happy End‘. Ich denke dann, es wird alles böse enden, weil viele Menschen eine Masse brutaler Action, Morde und Gewalt sehen, in Reality oder Realityshows. Brauchen wir das wirklich?  

Ich möchte hier keine Werbung für dieses hervorragende Buch und die klugen Recherchen dieses jungen Historikers Bregman machen, sondern meine Inspirationen nutzen, die ich aus seinen Erkenntnissen und Äußerungen ziehe. Vielleicht bekommen Sie dann selbst Lust, es zu lesen. Es ist voll von spannenden Forschungsergebnissen und Geschichten, über die wir in dieser Art nie etwas in den Medien erfahren haben. 

Ich versuche ja gerne, das große Ganze auf das Alltägliche, Private und Familiäre zu beziehen. Bregman versucht nachzuweisen, dass Menschen grundsätzlich Gemeinschaftswesen sind, die aus einem gut gemeinten und lebenserhaltenden Impuls heraus handeln, solange man sie lässt. Er stellt die These auf, dass es an uns liegt, welche Realität wir erschaffen: Ob wir glauben, was uns von Einzelnen mit Machtambitionen erzählt wird oder ob wir uns auf unsere ‚wahre Natur‘ besinnen und diese nähren. Er zitiert diese bekannte Parabel:  

"Ein Großvater sagte einst zu seinem Enkel: „In mir findet ein Kampf statt, ein Kampf zwischen zwei Wölfen. Einer ist schlecht, böse, habgierig, eifersüchtig, arrogant und feige. Der andere ist gut –er ist ruhig, liebevoll, bescheiden, großzügig, ehrlich und vertrauenswürdig. Diese Wölfe kämpfen auch in Dir und in jeder anderen Person.“

Das Enkelkind dachte einige Zeit nach und fragte ihn dann: „Und welcher Wolf gewinnt?“ Der alte Mann lächelte. „Der Wolf, den du fütterst.“

(zu finden in zahlreichen Varianten im Internet ohne genaue Quellenangabe)  

Mit anderen Worten: Es lohnt sich nicht, mit dem bösen Wolf zu kämpfen, weil er dann immer stärker wird. – Wenn ich jetzt den Sprung in das familiäre Miteinander wage, hieße das im übertragenen Sinne: Gehen Sie nicht in Machtkämpfe mit dem Partner/der Partnerin oder den Kindern, sondern gehen Sie davon aus, dass das Verhalten des Gegenübers einen Grund hat, der nicht bösartig und nicht gegen Sie gerichtet ist, auch wenn es auf den ersten Blick so aussehen mag. Vielleicht steckt dahinter etwas, das gut gemeint ist, sich aber nicht anders ausdrücken kann. Füttern Sie zuerst in sich selbst den Wolf, der vielleicht in dieser Sache noch ahnungslos, aber grundsätzlich wohlwollend ist.   

Nehmen wir ein Beispiel. Die Kinder sind laut, machen Krach, streiten sich, schreien Sie an; und Sie sind genervt. Nein, die Kinder machen das wahrscheinlich nicht aus Gemeinheit gegen Sie, sondern weil auch sie von ihrer Situation genervt sind. Füttern Sie nicht den falschen Anteil in Ihnen, sondern atmen Sie durch und vergrößern Sie den Raum zwischen Reiz und Reaktion. Dann fällt der Stresspegel schon ein bisschen. 

Kennen Sie das? Sie sagen Ihrem Partner oder Ihrem heranwachsenden Kind: „Du hast doch gesagt, Du bringst heute den Müll runter. Jetzt steht der immer noch rum!“ – „Mach ich nachher!“ – „Nein jetzt! (kreisch)“ Sie sehen dann einen Menschen antriebslos in starrer Verweigerung vor dem Mülleimer stehen und könnten durchdrehen.  

Kennen Sie das Gefühl? Die Steuererklärung liegt seit Tagen auf dem Schreibtisch, und Sie haben einfach keinen Bock drauf? Tiefe Kraftlosigkeit, weil Sie es als aufgebürdet empfinden, etwas zu tun, was Sie jetzt nicht tun wollen, sondern selbst bestimmen wollen, wann der richtige Zeitpunkt ist? Ja, jede*r kennt das Gefühl, etwas nicht wahrzunehmen, weil es zu viel ist, weil es nicht selbstbestimmt ist, weil man im Moment keine Lust hat. Trotzdem zweifelt man nicht am Sinn von Steuern.  

Wenn Sie sich nicht triggern lassen und ins emotional Negative starren, geht dieser Moment vielleicht ganz schnell vorbei. Versuchen Sie, konsequent das zu nähren, was gut läuft. Im Coaching nennt man das ressourcenorientiert. Und Sie werden sehen, dass der Müll dann schmerzfreier unten ankommt, als Sie denken.  

Es gibt keinen „Sinn des Lebens“ außerhalb von uns. Das, was ist, ist mein „ikigai“, heute. Füttern Sie Ihr inneres ‚Wölfchen‘ und stehen Sie am nächsten Tag wieder mutig auf.

Wenn wir das tatsächlich alle tun würden oder sich unsere Zahl stetig erhöhen würde, wie bei Impfungen gegen böse Krankheiten, wirkt sich das auch auf Veränderungen in Richtung einer gerechteren, ökologischen und menschlicheren Welt aus. Dann wird es wahrscheinlich überhaupt erst möglich, dass sich kluge Köpfe mit gemeinschaftsorientierten Zielen in der Welt durchsetzen.   

Lit.: Rutger Bregman: „Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit“, Rowohlt Verlag 2020, 480 Seiten  

https://www.faz.net/-gum-9jchc (Rutger Bregman, Beitrag auf dem Klimagipfel in Davos)


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Kategorien KK-Blog Familiensinn

Kommentare

Ronniesew
Mittwoch, 27. Januar 2021, 23:47 Uhr
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