Veröffentlicht am Di., 16. Feb. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 36 Alles leichter ohne Anhang? Ein Leben ohne Familie  

Heute denke ich an diejenigen, die ohne Familie leben, die niemanden haben, mit dem sie durch Konflikte weiterwachsen können. Es ist ein Blick aus der Perspektive derjenigen, von denen viele manchmal denken, in so einer Situation sei alles leichter: Ohne Familie geht es nur nach der eigenen Nase und die Klötze am Bein – wenigstens einige – behindern das eigene Fortkommen nicht. Es gibt Partner*innen in Familien mit kleineren Kindern, die ernsthaft glauben, das Leben nach einer Trennung wäre leichter. Mit Sicherheit kann man nur sagen, dass es anders wird, sicher nicht leichter.  

Neulich sah ich im Fernsehen einen Beitrag darüber, dass junge Menschen in China, insbesondere Frauen, ganz bewusst allein sein wollen – ohne Partner*in und ohne Familie. Es gibt, ganz kundenorientiert, bereits Restaurants, in denen man wie in einer offenen Kabine ganz für sich allein sein Essen bekommt, ohne dass andere Gäste einen dabei stören. Diese Menschen möchten ein eher nomadisches Leben ohne Sesshaftigkeit und Verbindlichkeiten in Abgrenzung zur alten Familientradition führen. Dann können sie machen, was sie wollen!  

Eine andere, vielleicht etwas überzeichnete, aber gar nicht so seltene Perspektive: Ein Kind unserer modernen Zeit, vielleicht ein junger Mann, ein Einzelkind bereits älterer Eltern, vielleicht sogar durch künstliche Befruchtung entstanden, weil die zur Fortpflanzung benötigten Hormone bei den Eltern nicht mehr so aktiv waren, muss seinen Weg in soziale Zusammenhänge finden. Dieser junge Mann macht das, was die meisten machen, wenn Arme und Beine lang und länger werden, die Pickel unaufhaltsam sprießen und der tägliche Blick in den Spiegel ein unbekanntes Wesen zeigt, das auch von der eigenen Mutter nur mit Stirnrunzeln erkannt wird: Er verkriecht sich hinter den Rechner und zockt, was das Zeug hält und drückt sich vor den ersten sexuellen Erfahrungen mit Mädchen oder Jungen, weil er unsicher und ungeübt ist - und keine Gelegenheit hat, in der Geschwisterkonkurrenz das Streiten und Versöhnen, das Gewinnen und Verlieren auf ganz natürliche Weise zu lernen.

Vater und Mutter arbeiten beide viel und sind nicht mehr ‚up-to-date‘, wo der Aufenthaltsort der Seele ihres Sohnes ist. Es fallen übliche Sätze wie „Hast du deine Hausaufgaben gemacht?“ – „Räum dein Zimmer auf!“ – „Wo warst du schon wieder so lange?“ – „Du weißt doch, dass die Abiturnote heutzutage wichtig ist!“ Er verkriecht sich wahrscheinlich in sich selbst, wenn er es schafft, einer Sucht zu entgehen.  

Dieser junge Mann verliebt sich zum Ende seines Informatikstudiums aber doch so vehement in eine andere Studentin, dass bald ein Kind entsteht und eine junge Familie gegründet wird. Wo soll er in seinen verschiedenen Rollen als ehrgeiziger Berufsanfänger, achtsamer Partner und fürsorglicher Vater die Erfahrungen hernehmen? Er muss sie aktuell erst machen!

Viele Konflikte entstehen zwischen Paaren im Familienkontext, weil mindestens ein Teil von ihnen noch immer ‚sein eigenes Ding‘ machen will; nicht aus Bösartigkeit, sondern weil das als ‚normal‘ empfunden wird. Frauen sind in einer völlig anderen Situation, weil sie mit ihrem ganzen Körper in diesen Prozess der Familiengründung involviert sind.  

Jetzt heißt es, mit diesen Unterschiedlichkeiten trotzdem in ein gleichberechtigtes Leben zu finden. Aber haste nicht gesehen, führen viele genau die Art des Lebens ihrer Eltern, das sie niemals führen wollten. Sie ahmen es trotzdem nach. Er arbeitet, weil er mehr verdient, und sie ist doch mehr mit den Kindern beschäftigt, auch wenn sie noch eine Stelle hat.  

Ein alternatives Lebenskonzept muss erst gemeinsam erarbeitet werden – wie alles im Leben! Jeder Einzelne muss sich erst einmal selbst erkennen, reflektieren und eine Sprache finden. Dann geht es darum, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, in der Gefühle und eigene Gedanken Platz haben. Es ist ein mühevoller Prozess, das Zuhören zu lernen, um weiterkommen zu können, im emotionalen wie im lebensgestalterischen Sinne!  

Viele Paare, die in diesen Entwicklungsweg keine Zeit und Energie investieren, weil ihnen die Bedeutung gar nicht bewusst ist, wünschen sich dann in die Separation zurück, vielleicht in der Hoffnung, es in einer neuen Partnerschaft leichter zu haben. Das kann durchaus vorkommen. Meist aber nimmt man sich mit und bekommt dieselben Themen in einem anderen Gewand in Wiedervorlage. Von allem anderen Stress, der mit einer Trennung einhergeht, mal ganz abgesehen. Einer meiner Lieblingssätze zu Beginn einer Mediation ist: „Ah, Sie möchten sich trennen, weil Sie einander nicht verstehen. Haben Sie schon mal versucht, sich kennenzulernen?“  

Manchmal bekommt man es nach einer Trennung nicht mehr hin, eine neue glückliche Partnerschaft nachhaltig aufzubauen. Frauen wünschen sich vielleicht noch ein Kind, aber finden keinen passenden Mann dazu. Als alleinerziehende Mutter möchte niemand enden, weil das aus unterschiedlichen Gründen mit ‚Freiheit‘ herzlich wenig zu tun hat. Die Kinder werden zu den primären Bezugspersonen, die dann gerne aus der Beziehungs-Überbeanspruchung unter Umständen weit weg entfliehen, sobald sie groß sind.  

Nein, wir sind nicht für das Alleinsein geschaffen, und egal, welches Geschlecht und welches Alter wir haben: Wir brauchen die Fähigkeit, zur selben Zeit „einsam und frei wie ein Baum und brüderlich wie ein Wald“ (nach Nazim Hikmet) zu sein.


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