Veröffentlicht am Di., 2. Mär. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

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Nach einem Jahr überschlagen sich die Warnungen, wie schlecht es den Kindern im Lockdown vor allem ohne die Schule geht und welche negativen Folgen es für viele haben könnte, aus dem normalen Leben für ungewohnt lange Zeit herausgeworfen worden zu sein.

Die Schule fehlt, der Ausgleich zur Schule fehlt, die Perspektive überhaupt fehlt. Die Unterschiede in den Bundesländern, den Schulen, den Familien, die materiellen Möglichkeiten, der vorhandene Raum - alles, was vorher schon verschieden und ungerecht verteilt war, wird noch offensichtlicher. Alle sind es gewöhnt, dass Lernen etwas ist, das in die Schule gehört. Menschen brauchen eine Struktur im Alltag! Konzentration, Abschalten, Alleinsein, Gemeinschaft und Zusammenarbeit gehören in überschaubare Zeiträume.

Unser vernachlässigtes und unterversorgtes Bildungssystem hat in seiner ganzen altmodischen und bürokratischen Behäbigkeit bisher keine schnellen und schlauen Antworten auf die Pandemie finden können. Dabei gibt es schon viele Schulmodelle, freie und Laborschulen mit flexiblen Lernangeboten, die von innovativen Pädagog*innen mit wissenschaftlicher Begleitung bereits seit Mitte der 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt wurden. Mittlerweile gibt es in Deutschland 46 Schulen, die nach dem sogenannten Jena-Plan arbeiten. www.jenaplan.de/kurzfassung-der-jenaplan-paedagogik/

Das ist also nichts Neues. Was wäre heutzutage nützlich und pädagogisch fruchtbar?  

Der Schulstoff ist einerseits wichtig - zum Festhalten und als Normalität, wirkt aber andererseits - besonders in der aktuellen Situation- zum Teil abgehoben. Wie soll bewertet werden, was die Schüler*innen seit einem Jahr an Lernleistung und Kompetenzgewinn unter ihren konkreten Lebensbedingungen in Familie, Schule und Gesellschaft wirklich erbracht haben? Ich habe schon lange gedacht, dass man die Curricula und das ganze Schuljahr zur kreativen Gestaltung, für zukunftsorientierte „Think Tanks“ und Projektarbeit freigeben sollte. Da ist doch rein gar nichts mehr an Leistungsnachweisen unter Schüler*innen vergleichbar!  

Auf der Suche nach modernen Konzepten bin ich zufällig im Fernsehen beim Hessischen Rundfunk fündig geworden. www.ardmediathek.de/ard/video/corona-logbuch-schule/ (1-3) zeigt, wie schwer es für viele Kinder im Moment ist.

In der Doku „Homeschooling 2.0 – Eine Schule zeigt, wie es geht“ lerne ich das digitale Schulkonzept „PerlenWerk“ der Richtsberg-Gesamtschule in Marburg kennen. Sie setzt auf Digitalität und nicht nur auf Digitalisierung, schon vor Corona. Schüler*innen wie Lehrer*innen, haben jeweils ein eigenes iPad. Die Start-Up-Firma Scobee’s in Köln hat für die Schule eine eigene Software entwickelt. Es gibt sogar einen eigenen Serverraum im Keller, weil die Datenmengen mit den Kindern wachsen und verarbeitet werden müssen.

Die iPads der Schüler werden im WLAN der Schule automatisch konfiguriert, sodass die Schüler*innen immer und überall Zugriff auf ihre Aufgaben haben. Per App über Scobee’s kann jederzeit ein Lernbegleiter angefragt werden, denn die übliche Lehrerrolle gibt es nicht mehr; ebensowenig wie klassischen Frontalunterricht und feste Stundenpläne.  

Die Lernplattform wird auch ständig weiterentwickelt. Deshalb führt Scobee’s Schülerbefragungen zur Qualitätssicherung durch. Die Lernenden werden ernst genommen und an der Entwicklung beteiligt, genauso wie das Kollegium, sonst würde ja auch gar nichts funktionieren. Das Ziel ist selbstständiges Arbeiten von Klasse 5 bis 10. Jede*r wird einmal pro Woche von seinem/ihrem Lernbegleiter*in persönlich 15 Minuten gecoacht. Der Unterschied zwischen dem hier üblichen Unterricht und dem zurzeit nötigen Homeschooling ist, was den Stoff betrifft, gar nicht so groß. Die Kids sind es sowieso gewöhnt, digital, selbstständig und vernetzt zu arbeiten. - Klassenarbeiten heißen übrigens Gelingensnachweis.

Bei aller Skepsis gegenüber einer digitalen Welt scheinen hier Kontakt und Beziehung im Mittelpunkt zu stehen. Der Werkzeugcharakter eines Endgerätes bedeutet für die Kinder überdies eine gute Medienbildung. – Schauen Sie mal in die Doku rein!

Entspannen Sie sich und setzen Sie Ihre Kinder nicht unter Druck; sie lernen sowieso und haben freie Wahl, was dieses Schuljahr betrifft.

Linktipps

https://www.ardmediathek.de/ard/video/doku-und-reportage/homeschooling-2-0-eine-schule-zeigt-wie-es-geht/hr-fernsehen/Y3JpZDovL2hyLW9ubGluZS8xMjc3NDU/
„Bloß nicht zurück zur Normalität, das wäre ein Albtraum“, sagt der Zukunftsforscher Olaf Axel Burow und vertritt die These: „Lernchance Corona“.

https://web3204.webs.dvt.at/sites/default/files/2020-03/Lehrerbildung%202030.pdf


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