Veröffentlicht am Di., 9. Mär. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 41 Selbsterfahrung in Quarantäne

Nun ist es passiert! Bei wirklich konsequenter Vorsicht habe ich ein einziges Mal nachgegeben und gegen meine Prinzipien meine Nachbarin mit ihren beiden, von mir heißgeliebten Kindern nach der Kita bei mir beherbergt, weil der Papa ein wichtiges Bewerbungsgespräch per Zoom hatte und Ruhe brauchte. Kein Ding, dachte ich, bemühte die Wahrscheinlichkeitsrechnung, dass das ja nun ein wirklich seltener Zufall wäre, wenn da ein Virus rumturnt, und hatte wirklich Spaß mit den dreien. Die Familie fuhr dann noch übers lange Wochenende zu den Großeltern nach Brandenburg.  

Gestern kam die SMS, dass ein Kind aus der Kita-Gruppe der Kleinen positiv getestet sei und die ganze Kita-Etage dichtgemacht würde. Absurderweise dürfte ihr Bruder, der bereits bei den Großen auf der anderen Etage betreut wird, offiziell kommen. Hallo?

Na gut, ich habe also alle Wochenend-Spaziergänge abgesagt und die Situation auf mich wirken lassen. Plötzlich dreht die Uhr wieder langsamer, und mein innerer Hypochonder nimmt jedes Räuspern, Hüsteln und leichte Unwohlsein mega-aufmerksam wahr. Das könnte ein richtiger Volltreffer sein, oder wir haben alle eine wichtige Lektion gelernt.  

Es ist ein anderer Seins-Zustand, wenn einem das Virus erwiesenermaßen so nahe auf den Pelz rückt. Jede*r reagiert anders auf so eine Situation. Ich kenne mich ja schon eine Weile und weiß, wie hochsensibel ich auf meinen Körper achten kann, wenn ich nicht abgelenkt werde.

Dann hatte ich auch noch meinen Mail-Account geschreddert, weil ich bei Krypto-Verschlüsselung mein Passwort geändert und ein vorgeschlagenes, besonders starkes im Safari-Speicher nochmals überschrieben hatte, ohne es vorher aufgeschrieben zu haben. Alle Mails weg, kein Zugang mehr aus eigener Blödheit und Unachtsamkeit; es ist bei meinem extrasicheren Server nur noch ein neues Konto möglich.  

Dann kam der Aberglaube, dass ich wohl eine Pechsträhne habe, dass in dieser Woche anscheinend alles schief gehen muss. Und dann noch ohne Mail-Kontakt alleine zu Hause liege, weil die Sterne mal wieder „Star Wars“ spielen! Ja, und wer kümmert sich überhaupt um mich, falls es mich doch erwischt haben sollte? Müsste ich vorsichtshalber ein Krankenhaus-Täschchen packen wie vor der Geburt meines Sohnes? Vielleicht schnell nochmal die Haare waschen, bevor ich röchelnd wochenlang darnieder liege?

Kurz vor Schluss, als alles schon leer war, von Leuten und manchen Waren, ging ich vermummt schnell für das lange Wochenende einkaufen und fühlte mich wie eine Kriminelle. Habe ich genügend Klopapier? Ob andere Leute das auch so ernst nehmen oder ob ich mich mal ein bisschen lockermachen sollte?  

Zu guter Letzt habe ich noch mal mein persönliches Testament überprüft, weil es noch nicht auf Corona upgedatet war. Patientenverfügung? So’n Quatsch brauche ich doch jetzt nicht! Wenn ich noch mehr aus meinem Nähkästchen plaudere, wird das hier für andere zur Comedy, aber ehrlich: All diese Gedanken waren und sind real, solange ich keine Entwarnung habe. – Ich habe heute sogar wieder angefangen zu meditieren! Und es hat mir richtig gutgetan! Muss ich erst einen Schreck kriegen, um wieder zu dem zurückzufinden, was mich in Stresssituationen im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf den Teppich bringt? Wie echt ist mein fröhlicher Optimismus eigentlich wirklich?  

Und ich frage mich einmal mehr, wie eigentlich Leute ticken, die das alles nicht ernst nehmen. Kann ich mich da einfühlen? Schwer. Zuerst fällt mir ein, dass sie keinen Zugang zu ihrer gesunden Angst haben. Die wird verdrängt, vielleicht, weil zu viel davon ganz tief verborgen da ist.

Geduld! Ich brauche in so einer Situation wie seit einem Jahr die Fähigkeit, einen latenten Zustand auszuhalten. Ich brauche Mitgefühl (Unterbewusstsein) und Solidarität (Bewusstsein), um nicht nur an mich und meine Interessen zu denken, sondern mich als Teil einer ganzen Volks- und Weltgemeinschaft zu verstehen.

Und ich brauche Verstand (Wissen und Meinung), um die ganzen Maßnahmen einschätzen zu können; und viel Toleranz, um den ganzen Blödsinn, der auch mit den Fehlern der Politik einhergeht, differenziert wahrnehmen zu können. Fehlentscheidungen, Korruption und Parteiengeklüngel sind ja nichts Neues.

Wenn es also an Wissen, innerer emotionaler Sicherheit und einer verständlichen und nachvollziehbaren Politik fehlt, werde ich wütend; und Wut differenziert nicht. Dann rutsche ich ins Reptiliengehirn und meine Seele kriegt Platzangst.  

So oder so ähnlich erkläre ich mir das. Die meisten Menschen sind zwar auch zunehmend ärgerlich, aber sie machen zum Glück mit, weil sie vernünftig sind. Möchte jemand in Strukturen wie China leben, wo es klare Ansagen und folgsam erzogene Menschen gibt? Dann eher Neuseeland; die haben es auch im Griff. Und wir gehen unseren deutschen Weg, den wir durch den Gang zur Wahlurne mitbestimmen - mitbestimmen dürfen!  

Das Schreiben war doch jetzt eine schöne Ablenkung!


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