Veröffentlicht am Di., 23. Mär. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 43- Mediatoren in die Medien!

Ich merke es schon gar nicht mehr, wenn ich Nachrichten höre oder sehe, und Artikel in verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen oder in Social Media zur Kenntnis nehme. Kann ich sachliche Berichterstattung, Meinung, Meinungsfreiheit, Meinungsmache, Manipulation und Pluralismus überhaupt voneinander unterscheiden?

Ich nehme einfach zur Kenntnis, dass die Medien unter dem Dauerstress stehen, aufmerksamkeitserregende Sensationen zu präsentieren - und diese möglichst zuerst, weil unser Gehirn nachdrücklicher auf negative Nachrichten reagiert als auf positive. Das Interesse daran ist größer, im Hinblick auf die Möglichkeit, sich selbst zu spüren und mit einer gewissen Lustangst zu befriedigen. Mehr Neugier, mehr Klicks, mehr Werbung, mehr Geldfluss.

Man braucht ja auch nur den Fernseher anzuschalten und sieht - oberflächlich betrachtet - hauptsächlich Gewalt und viel Werbung; alles Inhaltliche muss man erst mal suchen. Zum Glück gibt es Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender mit vielen informativen und sehr schönen Dokumentationen.

Mir geht es hier darum, die Wirkung der permanenten medialen Eskalationen zu durchschauen und sich vielleicht auch etwas dagegen immunisieren zu können. Ich meine nicht nur die Springer-Presse mit der BILD-Zeitung und anderen Produkten, sondern alle Medien, die in diesem Prinzip gefangen sind: im Zwang zur permanenten Polarisierung.

Als Mediatorin verfolge ich genau das Gegenteil. Schließlich werden wir hauptsächlich bei eskalierten Konflikten hinzugezogen, in denen wir für neue Begegnungsmöglichkeiten über die Kommunikation sorgen sollen.

- Was machen Mediatoren eigentlich? Sie versuchen, auf der Wahrnehmungsebene zu beschreiben, was am ehesten der Realität entspricht, ohne zu interpretieren und zu bewerten. Wir Menschen können das nicht aus dem Stand, denn unser Gehirn bewertet jede Situation automatisch, um einschätzen zu können, ob vielleicht Angriff oder Flucht angesagt sind. Aber nicht alles, was als Gefahr erscheint oder dazu aufgebauscht wird, ist auch eine. Also müssen wir unterscheiden lernen, was wirklich Aufregung machen sollte und was gemachte Aufregung ist, um uns zu beschäftigen oder zu manipulieren.

Seit ich das Buch von Rutger Bregman „Im Grunde gut“ bereits zum zweiten Mal gelesen habe, denke ich außerdem, dass es auch viel zu berichten gibt, was Menschen wohlwollender handeln lässt, und was durch Beachtung noch verstärkt werden könnte, ja sollte!

Es gibt so viele um Ausgleich und Gerechtigkeit bemühte Vorbilder, so viele gute Anlagen in jedem von uns, den anderen auch das Lebensförderliche nachzumachen - wenn es mit Anerkennung und Zugehörigkeit verbunden ist.

„Mediatoren in die Medien“ hieße also, das Verhältnis von polarisierenden und eskalierenden Nachrichten in ein vernünftiges Verhältnis zu den vielen positiven Errungenschaften und solidarischen Aktionen von Bürger*innen zu setzen. Es wäre eine geistreiche Aktion, wenn es eine dritte Instanz (Mediatoren) gäbe, die ohne eigene Interessen nur darauf schauen würde, dass die Leser*innen, Hörer*innen und Zuschauer*innen genug gesunde Nahrung bekommen, um das alltägliche Mediengift verarbeiten zu können, ohne tiefen Schaden zu nehmen.

Ich wünsche mir, dass Informationen so vermittelt werden, dass alle die Möglichkeit haben, sich selbst eine Meinung zu bilden und die Verantwortung dafür zu übernehmen, ohne alles vorgekaut zu bekommen und sich unnötigerweise zwischen extremen Positionen entscheiden zu müssen.

Wenn z.B. jemand Bedenken wegen einer Corona-Impfung äußert, könnte sofort die Keule „Impfgegner“ kommen. Wieso? Vielleicht hat diese Person den Meinungsbildungsprozess noch nicht bis zu einer abschließenden Entscheidung geführt und brauchte dafür Informationen und Unterstützung, ohne auf eine Seite gedrängt zu werden?

Ist es nicht eigentlich so, dass die Mehrzahl der Menschen vernünftig, mitfühlend, solidarisch und ganz gut eingebunden lebt, während Einzelne und manche Gruppierungen (in verschiedenen Rollen als Politiker*innen, Redakteure, sogenannte „Speaker“ und „Influencer“) auf vielen Kanälen die interessengeleitete Aufmerksamkeit auf sich ziehen und zu Verzerrungen der gesamten Realität führen?

Ich bin wahrlich ein sehr kritischer und skeptischer Geist jedweder Politik gegenüber, habe aber den demokratiegeleiteten Wunsch nach annehmbaren Vorbildern, Visionen und Perspektiven, die nicht nur mir ein gutes Leben ohne systemische Existenzängste bereiten.


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