Veröffentlicht am Di., 30. Mär. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 44 - Auf dem Spieplatz der Fantasie: Mein Freund, der Baum

Tag für Tag schaue ich aus dem Küchenfenster auf den Spielplatz hinter meinem Haus. Das ist besser als jede Netflix-Serie! Seit Wochen gibt es einen neuen Hauptdarsteller. Jeden Tag hat er mehrere Auftritte und wird zwischendurch von Erwachsenen von der Bühne gezogen und neben dem Müllcontainer abgestellt. Aber am nächsten Tag, wenn die ersten Kinder kommen, hat er wieder seinen Auftritt: Ein abgetakelter Weihnachtsbaum, schon grau in den Nadeln, erlebt seinen posthumen Triumph! Es ist unglaublich, was sich die Kinder um diesen Baum herum alles ausdenken.

Was ich punktuell beobachten konnte, ist nur ein Bruchteil dessen, was sich da unten alles abspielt. Besonders beliebt bei den Jungen sind die Machtkämpfe um den Baum. Welche Bande ist stärker? Wie packt man ihn am besten an? Ein großer Junge, der mit seiner Kita-Gruppe regelmäßig da ist, scheint sich für den Hüter und Besitzer des Baumes zu halten. Die Kleineren versuchen immer wieder inbrünstig, ihm die Hoheit zu entreißen.

An einem anderen Tag kämpften die Jungen und die Mädchen gegeneinander. Sehr lustig zu beobachten war, dass die Jungen, wenn sie gewonnen hatten, für einen Moment nicht wussten, was sie jetzt mit ihrer unhandlichen Trophäe anfangen sollten. Die Mädchen hingegen entwickelten sofort ein Spiel. Ein oder zeitweise zwei Mädchen setzten sich in die „Kutsche“ und ein großes Mädchen zog den Baum über den Platz durch den Sand. Die Jungen guckten ganz neugierig und gingen nach einer Weile zur geplanten Attacke über, um den Mädchen den Baum wieder zu entreißen.  

Manche zogen ihn ganz selbstvergessen und glücklich hinter sich her wie einen Hund, andere hüteten ihn wie einen Schatz und saßen einfach drauf, ohne sich von anderen zum Spielen überreden zu lassen.

Die Erwachsenen mögen den Baum nicht. Sie räumen ihn immer wieder aus dem Gelände hinter das Tor neben den Müllcontainer. Gegen Abend, wenn keine Kinder mehr da sind, ist auch der Baum verschwunden. Aber jeden Tag erlebt er wieder seine Auferstehung, weil er dazugehört als gleichberechtigtes Spielgerät. Gerade heute - ich schaue mit einer Tasse Tee in der Hand raus - muss ich schallend lachen, weil ein Mädchen beim Versteckenspielen mitten auf dem Platz den Baum aufgerichtet vor sich hält und dahinter hockt.

Ich bin gespannt, wie lange er noch durchhält und den kleinen Kämpfern und Projektleitungen wirklich viel Vergnügen ermöglicht.  

Kinder brauchen Gelegenheiten, mit ihrer eigenen Fantasie Spiele zu entwickeln. Wenn ich meiner Fantasie folge, sehe ich den Spielplatz sowieso ganz anders. Die Spielgeräte sind schon okay, aber sie würden zwischen echten Bäumen und großen Sträuchern stehen, wie in einem kleinen Dschungel. Kinder lieben es, sich zu verstecken und unbeobachtet im Mikrokosmos ihrer selbst kreierten Welten zu forschen.

Es würde einen Hügel zum Kullern von Ball oder Körper geben, mit Gras drauf, und eine Art Stonehenge  im Kreis. Und eine Menge größerer mobiler Holz-Objekte zum Ziehen, Schieben, Tragen, Stapeln, Bauen, Durchkrabbeln, Aneinanderhaken und Vernetzen: Nichts Künstliches, sondern Natürliches, Unklares und wenig Normiertes, einmalige Formen, die die Gedanken unangestrengt kreisen lassen.  

Ich weiß nicht, was daran so schwer ist! Gut, wenn ich mir im Moment die Kreativität unserer Regierung ansehe, was ihr neben dem Lockdown noch so an Alternativen einfällt (nämlich nix), wundere ich mich nicht über ein marodes Bildungssystem und ein farbloses Bild davon, wie Kinder so sind.  

Wenn ich ehrlich bin, ist der direkte Blick auf den großen Spielplatz das Beste an meiner Wohnung. Leider sehe ich auch, dass die Erwachsenen, vormittags meistens pädagogisches Fachpersonal, nicht den Hauch von Interesse am Spiel der Kinder zeigen. Sie leben anscheinend in einer anderen Welt als die kleinen Zukunftsbastler, die zum Glück noch nicht wissen, wie viel Verantwortung für die Zivilisation auf ihre Schultern abgewälzt wird; durch Passivität und Einfallslosigkeit ihnen gegenüber.


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