Veröffentlicht am Di., 6. Apr. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 45 - Wechselmodell: So führt das Hin und Her nicht zu Schwindel


Ich möchte mich heute zum Thema „Wechselmodell“ bei getrennten Elternteilen äußern. Ein heißes Eisen auf 70 Zeilen!

Früher war es üblich, dass die Kinder in jedem Fall bei den Müttern ihren Lebensmittelpunkt hatten, weil das gesamte gesellschaftliche System auf der Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau beruhte: Die Männer machten sich um die Beschaffung des Lebensunterhaltes und die Frauen um die Nestpflege und Aufzucht der Kinder verdient. Auch das Scheidungsrecht basierte auf dieser Tatsache und gewährte Ehegatten- und Kindesunterhalt, Zugewinn- und Versorgungsausgleich, damit die geschiedenen Frauen mit den Kindern nach der Scheidung eine Lebensgrundlage hatten, die dem bisherigen Wohlstandsniveau entsprechen sollte.

Mit der zunehmenden Berufstätigkeit der Frauen änderte sich die Verteilung der Aufgaben. Die Väter wurden mehr in die Kindererziehung einbezogen. (Haushaltsfragen in Familien mit berufstätigen Müttern lassen wir hier mal außen vor.)

Erst 1980 ersetzte nach unserem Recht der Begriff der „elterlichen Sorge“ den der „elterlichen Gewalt“. Nach Artikel 6 Absatz 2 des Grundgesetzes ist das Kindeswohl das Gebot der partnerschaftlichen Erziehung. Das ist ein kolossaler Paradigmenwechsel im Denken. Es geht also immer mehr in die richtige Richtung: Nämlich, dass Mutter und Vater zunehmend gleichberechtigte persönliche Verantwortung für die Entwicklung ihres Kindes übernehmen, nicht nur, was die Finanzen betrifft.  

Spannend wird es bei einer Trennung nicht verheirateter Paare. Das Bundesverfassungsgericht hat sich 2010 auch hier für das gemeinsame Sorgerecht ausgesprochen, solange es dem Kindeswohl entspricht.

Bisher wurde in Deutschland vom Residenzmodell ausgegangen, das heißt, die Kinder haben ihren Lebensmittelpunkt in der Regel bei der Mutter. Jetzt wird zunehmend das paritätische Doppelresidenz- oder kurz Wechselmodell nach Europäischem Standard eingeführt. Das geschieht aber nur unter bestimmten Bedingungen, nämlich, dass es beide Elternteile wollen, diese konsensfähig sind, das Konfliktpotential niedrig ist und dass die beidseitige Betreuung der gewohnten Situation des Kindes entspricht; das Ganze in örtlicher Nähe. Bei Kindern in den ersten Lebensjahren wird davon abgeraten.

Gesetzlich ist dieses Modell in Deutschland bisher nicht verankert, aber die Rechtsprechung geht zunehmend in diese Richtung, weil es Gerechtigkeit verspricht. 

Das ist prinzipiell eine gute Sache, wenn das Kindeswohl für alle Beteiligten immer im Mittelpunkt stehen würde! Nicht selten geht es auch um den Kindesunterhalt, der bei gleichberechtigter Betreuung nicht mehr gezahlt werden muss. Auch das müsste dem Kindeswohl nicht widersprechen; denn nicht wenige Väter beginnen in dieser Situation sogar erst, eine intensivere Bindung zu den eigenen Kindern im Alltag aufzubauen, weil sie mehr Zeit investieren müssen und nicht mehr in Konkurrenz zur Mutter stehen.  

Für manche Mütter fühlt sich das oft hart und ungerecht an, denn sie haben schließlich bisher die meiste Arbeit mit den Kindern gehabt, auf berufliches Weiterkommen verzichtet oder in Teilzeit gearbeitet und somit andauernde Langzeitfolgen in Kauf genommen. Außerdem haben sie durch die einmalige körperliche Bindung häufig auch die engere Bindung und eine Art „Besitzanspruch“ auf ihr Kind; ja, es ist Teil ihrer weiblichen Identität geworden.  

Es ist und bleibt ein unlösbares Problem, denn man kann Kinder nun mal nicht in der Mitte teilen. Und oft wird das Recht des Kindes auf Kontakt zu beiden Elternteilen mit dem Recht der Eltern auf gleiche Aufteilung verwechselt. Die einzig wichtige Frage in Bezug auf jedes einzelne Kind ist, welche die schonendste und flexibel angepasste Lösung nach einer ohnehin traumatisierenden Trennung ist.

Leider gerät diese Frage bei einem latenten oder eskalierten Konflikt zwischen Eltern manchmal aus dem Fokus! Der emotionale Zustand der inneren Kinder Eltern verhindert geradezu, die Perspektive ihres realen Kindes einnehmen und nachfühlen zu können. Schwierig ist dieses Thema auch, wenn die Ungleichzeitigkeit des emotionalen Trennungsprozesses eine entspannte gemeinsame Elternschaft noch nicht erlaubt.  

Das Wort „Modell“ zeigt nur an, dass es sich um eine von verschiedenen Möglichkeiten handelt. Kinder sind Individuen (ich möchte den Begriff „Einzelfall“ vermeiden), die klein und abhängig sind und sich in einer extrem verletzlichen Situation befinden. Sie können sich häufig nur durch Symptome und Auffälligkeiten äußern. Mit Bedacht, Aufmerksamkeit, Geduld, guter Kommunikation, Offenheit und vielleicht äußerer Unterstützung durch Mediatoren werden Eltern mit „elterlicher Sorge“ und nicht mit „elterlicher Gewalt“ die richtige Form zur rechten Zeit finden.

Es nützt dem Kindeswohl nicht, wenn von den beiden Erwachsenen, die eine sichere Bindung für das Kind gewährleisten sollen, eine*r selbst in eine unsichere Situation gebracht wird. Es ist wie bei Druckabfall im Flugzeug: Erst sollen die Erwachsenen die Sauerstoffmaske überziehen und ruhig atmen, damit sie sich dann um das Kind kümmern können.  – Vertrauen Sie in Ihren gemeinsamen Prozess!

Linktipps

https://www.vamv-berlin.de/wechselmodell/das-wechselmodell-aus-sicht-des-kindes/

https://de.wikipedia.org/wiki/Wechselmodell

https://de.wikipedia.org/wiki/Elterliche_Sorge_(Deutschland)

https://www.juraforum.de/lexikon/gemeinsames-sorgerecht

http://trennungmitkind.com/trennen-mit-kind-aber-richtig/umgangsrecht-umgangsregelungen-und-umgangsmodelle/wechselmodell-umgangsregelung-umgangsrecht


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