Veröffentlicht am Di., 13. Apr. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“

Blog 46 - Stubenarrest-Szenarien

Woran erinnert die aktuelle Situation? Da war doch mal was …? Richtig, wer hatte in früher Jugend nicht schon mal Stubenarrest bekommen? Es war fast ein Indiz für eine gesunde Entwicklung, dass man nicht immer brav und angepasst wie ein Hündchen alles mitgemacht hat, sondern sich getraut hat, mal zu lügen, sich in eine Gefahr zu bringen oder Heimlichkeiten zu haben, etwas zu klauen oder sich von anderen zu Verbotenem verführen zu lassen.

Erwischtwerden, Verturteilung, Strafe

„Dieses Kind ist kein guter Umgang für Dich!“ – „Diese Woche darfst Du nicht mehr raus!“ Im Dreiklang mit diesen Ankündigungen kamen Nachsitzen oder das Ausführen sinnloser Strafarbeiten. Das konnte einen schon wütend machen, vor allem, weil es oft auch ungerecht war und niemand richtig nachfragt hat, weshalb man sich eigentlich so verhalten hat. Erwischtwerden, Verurteilung, Strafe!  

Ich kann mir vorstellen, dass in allen von uns noch ein kleiner Bunker existiert, mit eingeschlossenem Ärger und nicht ausgelebter Wut, beide mit mittlerweile sehr langen Bärten. Die aktuellen Anordnungen könnten bei manchen wie ein Schlüssel zur Befreiung für diese beiden Insassen im vergessenen Zwischenlager der Gefühle wirken.

Was haben wir denn falsch gemacht?

Als hätten wir aktuell alle etwas falsch gemacht, erfahren wir auch in der Corona-Politik eine Art Verurteilung nach willkürlich erscheinenden Zahlen und Paragraphen, die für den Einzelfall unsinnig erscheinen mögen. Das kommt einem einzigen Beweis von mangelndem Vertrauen in uns Bürger*innen gleich.

Ich kann mir vorstellen, dass die befreiten Energien, zum Beispiel aus der Vorpubertät, im Kopf eines Erwachsenen zu ganz widersprüchlichen Gedanken und Reaktionen führen können. Und ich habe Verständnis für diese auftauchenden, biographisch geprägten Gefühle, die alle gewürdigt werden wollen. Aber wo und von wem? Die politischen Entscheidungen und Ansagen zwischen Lethargie und heißer Nadel machen einen verrückt wie Laissez-faire-Erziehung im fliegenden Wechsel mit autoritären Anweisungen wie „Jetzt ist aber Schluss!“ – „Wenn ihr euch nicht zusammenreißen könnt, dann bestimmen wir!“ Das aber nicht wirklich, denn plötzlich ist doch nicht alles so schlimm, sodass die Ansagen nicht für alle gelten sollen, z.B. Unternehmen mit wirtschaftlicher Macht.

Mit dem Hin und Her verliert sich die Eigenverantwortung

In der Erziehung kann man Kinder auf diese Art so verrücktmachen, dass sie die Motivation zur Eigenverantwortung allmählich verlieren. Wie für Kinder, deren Wohlergehen gefährdet ist, hat der Staat in einer Pandemie auch über das Infektionsschutzgesetz zu wachen. Wie sieht das aus? Wir erleben zurzeit das, was man typisch deutsch, bürokratisch und verantwortungsfaul nennen könnte. Da niemand in Politik und Verwaltung etwas falsch machen möchte, kann natürlich nichts richtig gemacht werden. Soweit das überhaupt möglich ist! Was heißt richtig? Offen, transparent, wissenschaftlich fundiert, erörtert und abgewogen, in einem zügigen Tempo mit viel Expertise an Bord und unter Beteiligung von Bürger*innen. 

Es bleiben nur die Braven und die Widerständigen

Aber am Ende polarisiert der entstandene Nebel die „Braven und Ängstlichen“ und die „Widerständigen und Mutigen“. Das reißt Gräben bis in Familien, egal welcher kulturellen Herkunft, und legt bisher verborgene Schichten in den persönlichen Wertesystemen frei. Ein bisschen psychologische Archäologie kann für die Zukunft und das Miteinander sehr gewinnbringend sein!  

Wie kommt man über diesen Graben, wenn sich die Gemüter bereits erhitzt haben? Es hilft nichts: Wir brauchen es, einander zuzuhören, nachzufragen, sich in die andere Perspektive einzufühlen und die Vielschichtigkeit bei der Entstehung der Emotionen anzuerkennen, um schließlich zu akzeptieren, dass nicht jede*r widerspruchsfrei mit der Situation umgehen kann.

Konsequenz ist die Voraussetzung für gemeinsames Handeln 

Je länger eine Krise dauert, und je widersprüchlicher und unzureichender die Führungsriege agiert, desto undifferenzierter werden natürlich die Reaktionen darauf. Der Umgang mit dem Virus und seinen Mutationen und die Politik unserer Regierung (und anderer weltweit) sind zwei verschiedene paar Schuhe! Wenn ein Thema so komplex ist wie eine Pandemie, sind doch die Kommunikation sowie die konsequente Formulierung und Verfolgung der Ziele eine Voraussetzung für gemeinsames Handeln. Ein kollektiver Lernweg für alle! 

Anscheinend gibt es nur leider keine Leute in den Regierungsämtern, die das Zeug dazu haben, wirtschaftlichen Interessen, Lobbyismus, persönlichen Interessen, Parteipolitik, angeblichem Wählerwillen und Wahlkampf zu widerstehen! Ich hätte nicht nur das Schuljahr freigegeben, sondern auch sämtliche Wahlen für dieses Jahr ausgesetzt.

Aber es bringt überhaupt nichts, alles in einen Topf zu werfen und im Widerstand zu sein. Besser tragen wir alles dazu bei, damit dieses Virus keine Chancen hat, sich weiter zu vermehren. Und dann geht die eigentliche Arbeit erst los: sich den wirklichen Problemen zu stellen und insbesondere durch unser klimabewusstes Konsumverhalten den großen Konzernen das Wasser abzugraben.


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