Veröffentlicht am Di., 11. Mai. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 50 - Meditation beim Fahrradputz: Es gibt immer einen Weg aus der Schleife

Ehrlich gesagt: Auf die Frage, wie es mir geht, kann ich gar nicht mehr antworten. Verglichen mit anderen geht es mir selbstverständlich hervorragend. Ich bin gesund, habe meinen Fahrradunfall bis auf ein paar kleine bleibende Angriffe auf meine Eitelkeit gut überstanden, habe mein geregeltes Einkommen und eine Wohnung, trocken und warm. Ich bin gut versichert, habe gute und erreichbare Ärzte und lebe in einem Land, in dem ich weitestgehend machen kann, was ich will, sogar unter Pandemie-Bedingungen. Ich lebe in politischer Freiheit, trotz zeitlich begrenzter Einschränkungen.


Wie ein Huhn im Käfig - wo ist eigentlich die innere Freiheit geblieben?

Aber ich fühle es nicht so richtig. Ich fühle mich wie ein Huhn im Käfig, das immer noch sitzen bleibt, obwohl der Käfig längst weg ist. Ich habe über ein Jahr lang - hauptsächlich im Homeoffice gezoomt und telefoniert und wieder gezoomt. Kein Sport, kein Tango, reduzierte Sozialkontakte und eindeutig Bewegungsmangel. Ich habe mich im Leben noch nicht so passiv und manchmal antriebslos gefühlt wie jetzt.

Ich komme klar, die Anpassung an die Bedingungen gelingt, weil sich meine Bedürfnisse immer weiter ins Innere zurückziehen. Es ist nicht äußere Freiheit, die mir fehlt; es ist in Wirklichkeit die innere Freiheit, meine Begeisterung und Motivation, etwas Schönes für mich zu tun, die mir abhandengekommen ist.

Too much information?

Natürlich will ich immer optimal informiert sein und lese und schaue, was das Zeug hält. Der Fokus liegt auf Inzidenzen, Infektions- und Todeszahlen und dem sich fast täglich ändernden, kaum noch nachzuvollziehbaren Maßnahmen-Chaos. Dahinter tauchen die düsteren Gipfel des Klimawandels wie die rauchenden Berge von Mordor vor Frodo Beutlin und Sam Gamdschie in „Herr der Ringe“ auf, die überwunden werden müssen, wenn wir den Schatz unseres Lebens retten wollen.

Wie kriege ich meine Lebensgeister wieder zurück, meine Freude, in den Wald zu rennen oder Reisepläne für ‚die Zeit danach‘ zu schmieden, wenn das alles unübersichtlich lange dauert? Ich meine nicht die Maßnahmen, sondern die Pandemie, die ja global in den Griff bekommen werden muss?

Ich sollte den Fokus verändern!

Immer wieder und zwischendrin, mit Selbstliebe und Selbstdisziplin andere Ziele, Inhalte und Themen ins Auge fassen, um mein Hirn und mein Herz zu entspannen. Wie das geht? Eigentlich ist es ganz einfach. Wir haben mehrere Sinne. Der älteste und früher wichtigste ist der Geruchssinn. Im Wald, wo die Blätter jetzt sprießen, die feinsten Teilchen der Kommunikation zwischen den Bäumen durch die Luft schwingen, kann man „Waldbaden“.

Mein kleines Nachbarskind hob neulich in unserem Hof einen Stein hoch und ekelte sich vor den Asseln, die es plötzlich auf der Hand hatte. Ich meinte, dass in der Erde Abermillionen von kleinen Lebewesen existieren, und der Junge interessierte sich dafür. Ich habe daraufhin ewig in alten Ordnern gesucht, bis ich endlich das Blatt mit den entsprechenden Abbildungen der Tiere gefunden habe. Es lohnt sich manchmal doch, ‚Unwichtiges‘ aufzubewahren.

Wenn der Fahrradputz zur Befreiung wird

Mein Fahrrad sieht erbärmlich verdreckt aus. Also stelle ich es auf den Kopf und putze, so wie früher. Als WG hatten wir im Frühjahr immer den Fahrrad-Putz-und-Reparier-Samstag.

Mir fällt nach solchen Aktionen immer auf, wie glücklich und befreit ich mich fühle. Ja, es gibt Aufgaben, die man beginnen und nach planvoller Handlung erfolgreich beenden kann! Das ist es, was uns im ‚großen Leben‘ im Moment total fehlt. Im Kleinen kann man es sich aber zurechtzimmern, das eigene Leben. Kleine Erfolgserlebnisse, die sonst keine wesentliche Bedeutung erfahren haben, können jetzt größere Stimmungsschwankungen wieder ausgleichen, wenn man sie bewusst wahrnimmt.

Die Opfer-Gedankenschleife beenden

Es ist wie Meditation, sich einen Fokus zu schaffen und die Gedanken zu konzentrieren oder bewusst schweifen zu lassen, solange sie in keiner Schleife landen. Diese ‚Opfer-Schleifen‘ (Wann hört das endlich auf? Wann können wir endlich wieder dies und das machen? Diese ständig wechselnden Vorschriften engen mich ein und machen mich verrückt! …usw.) können nur durch ‚Taten‘ und bewusste Aktionen beendet werden. Und diese können noch so klein und scheinbar unwichtig sein. Unser Gehirn nimmt sie als großartig wahr!

Morgens in Startposition gehen

Aus meiner kleinen Schatzkiste kann ich meine Basics anbieten (zwischen 10 und 60 Minuten oder noch länger einrichten):

- Morgens vor dem Aufstehen dehne, strecke und drehe ich mich. Was außerdem hilft: Eine Handmassage und ein erster ‚Aufschrei‘, um die Stimme zu wecken.

- Ich mache dann das Radio an und beim ersten groovigen Sound tanze ich auf dem Teppich, als sei ich noch in den 70ern im Underground-Keller. So knüpfe ich an meine jugendlichen, beweglichen Zeiten an.

- Duft tut gut. Also sorge ich im Wohn- und Arbeitsbereich oder auf meiner Haut dafür. Auch draußen in der Natur kann man "dufte" Orte gezielt aufsuchen.

Wenn ich all das mal nicht schaffe, merke ich den Unterschied sofort. Wir brauchen jeden Funken positiver Energie, um mit den anstehenden Aufgaben erfolgreich fertig zu werden. Hurra, wir üben noch!


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