Veröffentlicht am Di., 25. Mai. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 52 - Was ist denn bloß ‚Impfneid‘?

 

Ich habe mich ja schon zu der polarisierenden Sprache in der Politik und in Medien geäußert. Dieser in der Überschrift genannte Begriff regt mich an, die Geschichte andersherum zu erzählen.  

Ich stelle mir einfach vor, ich sei eine Journalistin, die ohne redaktionellen Druck in einer fiktiven Tageszeitung oder auf einer anderen Plattform schreiben darf, was sie möchte.  

Liebe Lesende, es gibt ein Licht am Horizont: Nämlich, dass wir schrittweise von einer weitgehend geschlossenen Lebensweise wieder zur Öffnung in verschiedenen Lebensbereichen übergehen können. Dank der wachsenden Verfügbarkeit vieler Impfstoffe und weiterhin ausgefeilter Test- und Hygienekonzepte wächst die Zahl der Menschen, die sich nicht mehr vor einem schweren Verlauf oder sogar dem Tod durch das mutierte Virus fürchten müssen. Natürlich müssen wir die Gefahren, die von einer Impfung ausgehen, im Blick behalten – genauso,S wie wir selbst zu jeder Zeit die Verantwortung für unser Leben tragen, egal was wir tun.  

Es rüttelt sich langsam. Wir erkennen, dass in unserem Land trotz bürokratischer Hürden und komplex-chaotisch anmutender politischer Irrungen und Wirrungen durch diese völlig neue Weltlage eine ansatzweise Kontrolle über die Pandemie zu erreichen ist. Das Sommerwetter lässt auch auf sich warten, bis genügend Menschen geimpft sind, und die sich öffnenden Gärten, Geschäfte, Museen, Theater, Kinos und öffentlichen Räume können sich wieder mit ersten Kund*innen und Besucher*innen füllen.  

Man kann sich berechtigterweise fragen, weshalb es nicht schon für Erstgeimpfte nach zwei Wochen Erleichterungen gibt; aber ich bin keine Wissenschaftlerin, die das Risiko beurteilen kann.  

Wie schön, dass die alten Mitbürger*innen wieder Besuch empfangen können! Wie erste kleine Wellen von Menschen wieder in den öffentlichen Räumen unterwegs sind und dem Einzelhandel und der Gastronomie die so notwendigen ersten Einnahmen einspielen. Nach und nach werden mehr dazukommen. Auch in den Urlaubsorten sind wieder Touristen unterwegs. Allerdings wird es für Normalverdiener*innen schwer, sich an deutschen Küsten zu erholen, weil die Preise aufgrund der großen Nachfrage ins Exorbitante gestiegen sind. Aber das ist eine Geschichte, die ein andermal erzählt wird.  

Alles ist eine Frage des Stils. Beim Sport feuern auch die ausgeschiedenen Mannschaftsmitglieder ihre Kolleg*innen an, die noch im Rennen sind. Wir stellen uns in einer Schlange an, um in der Konzerthalle noch einen guten Platz zu bekommen, aber wir drängeln nicht. In einem Bus müssen Ältere manchmal stehen, weil alle Plätze besetzt sind, während in einem anderen ein jüngerer Mensch noch für einen älteren aufsteht. In Buenos Aires, wo ich zweimal gewesen bin, stehen junge Leute in öffentlichen Verkehrsmitteln ganz selbstverständlich auf, wenn sie einen als gediegen älteren Menschen identifizieren, auch wenn wir offensichtlich Touristen und vom Tango topfit sind.  

Wie also kommt so ein schreckliches Wort wie ‚Impfneid‘ überhaupt in die Welt? Wäre nicht ‚Impffreude‘ eine gute und für Impfung werbende Alternative zu dem, was in manchen Medien, und von ängstlichen Politiker*innen, polarisierend aufgeputscht wird? Wie politisch krumm und umständlich die Wegen auch gewesen sein mögen: Ich finde es wunderbar, dass endlich Impfstoffe da sind, damit alle, die wollen, weltweit im Laufe einer überschaubaren Zeit geimpft werden können! Auch Kinder und junge Menschen sind im Blick, und wir alle können daran arbeiten, wie wir mit unserem neuen Erdbewohner SARS-COV 2 in Zukunft vernünftig umgehen.  

Wir sind Bürgerinnen und Bürger, Alte, Junge und alle dazwischen, die sich freuen, wenn viele von uns keine Furcht mehr vor dieser schweren Erkrankung haben müssen. Alle, die bei diesem Marathon erfolgreich ins Ziel gelangt sind, haben es verdient, ihre Lebensbereiche wieder zu erweitern. Und wir anderen freuen uns für sie, auch wenn viele von uns noch abwarten müssen. Wäre ja auch absurd, alle in den Ställen festzuhalten und auf Pfeifen gemeinsam auf die Piste zu schicken! Schließlich sollten wir weiterhin Vorsicht walten lassen, damit es keine neuen Pandemiewellen gibt. Nur Vorsicht und Prävention führen dazu, dass wir freiheitsbeschränkende Maßnahmen Schritt für Schritt wieder loswerden.  

Ich darf durchaus jemanden beneiden, der bereits vollständig geimpft ist, mehr Geld hat, eine bessere Familie, eine glücklichere Kindheit, den besseren Partner, eine hübschere Nase oder mehr Erfolg; aber ich muss noch lange nicht missgünstig sein, sondern mich freuen, dass ich hier an einem der wohlständigsten Flecken der Erde leben darf.


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