Veröffentlicht am Di., 8. Jun. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 54 - Gute Ratschläge - Worte an die Großeltern


+++ Ende Juni geht Martina Rohrbach in den Ruhestand. Am Samstag, 26. Juni 2021 von 16 bis 19 Uhr verabschiedet sie sich auf dem Evangelischen Campus Daniel, Brandenburgische Straße 51, 10707 Berlin. Wer vorbeikommen möchte, ist herzlich eingeladen.
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Oma oder Opa zu werden und in die Großelternschaft einzutreten, ist für viele wie ein zweiter Frühling. Man lebt nochmal auf, wenn man ein eigenes ‚Fleisch und Blut‘, das man selbst nicht mehr zur Welt bringen kann, in den Armen hält, und ist bereit, alles Mögliche für die Enkel zu tun. So oder so ähnlich hört es sich jedenfalls in meinem Freundes- und Bekanntenkreis an.  

Wenn da nur nicht die Schwiegersöhne oder -töchter wären, die wiederum auch Eltern haben. Manchmal gibt es in sogenannten Patchwork-Familien auch noch zusätzliche Stiefomas und Stiefopas, die natürlich alle die gleiche Begeisterung für die neuen Erdenbürger aufbringen.  

Für die Kleinen könnte es fantastisch sein, einen so großen Familienkreis zu haben, denn es heißt ja nicht umsonst, es brauche ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen. Solche Kinder, die zu allen eine Beziehung haben dürfen, tragen den Generationenvertrag von Beginn an im Herzen, werden von mehreren Bezugspersonen geliebt und zuweilen betreut und haben später keine Probleme, ihrerseits die Zuwendung an die Alten und vielleicht Hilfebedürftigen zurückzugeben. 

Großeltern transportieren Werte vergangener Generationen, die in der Gegenwart eine ganz andere Bedeutung bekommen haben. Sie verfügen oftmals über mehr Ruhe und Geduld, weil sie nochmal die Chance bekommen, in ihrer Familienlinie vielleicht etwas gutzumachen, was ihnen bei den eigenen Kindern nicht oder nur mäßig gelungen ist. Vielleicht hatten sie zu viel unter einen Hut zu bringen. Jetzt aber können sie nochmal ausgleichende Liebe in ihren emotionalen Generationenvertrag einspeisen.  

Was könnte denn diese potentielle Harmonie stören?  

Vom eigenen Kind erwartet man natürlich, dass sich die Erziehung der Enkelkinder aus den eigenen Erfahrungen ableitet oder zumindest ähnlichen Werten folgt. Schwiegertöchter und -söhne stammen aber in der Regel immer aus einer anderen Kultur. Manchmal ist es nur eine andere Familienkultur, aber immer häufiger kommt noch ein anderes Herkunftsland der ergänzenden Familie oder eine unterschiedliche Religion hinzu.  

Und plötzlich läuft da was in eine neue Richtung, anders als erwartet. Auch die Kommunikation zum eigenen Kind verläuft auf einmal nicht wie gewohnt. Jetzt ist es wichtig, dass jedem klar ist, welcher Platz der Ihre oder Seine im Familiensystem ist. Die jungen Eltern tragen die Verantwortung für ihre Kernfamilie und sollten die Zügel in der Hand behalten. Sie bestimmen als Elternpaar, im Idealfall gemeinsam, wo der Hase langläuft.

Dabei dürfen sie wie alle Eltern ihre Fehler und Erfahrungen machen. Die Richtlinien der Familienpolitik bestimmen die Eltern, in Anlehnung an den berühmten Satz von Willy Brandt „Die Richtlinien der Politik bestimmt der Bundeskanzler“. Lang lang ist’s her.  

Die Großeltern müssen manchmal gegen ihr Gefühl die Füße stillhalten, oder vorher anklopfen, wenn sie einen gut gemeinten Beitrag leisten wollen. Sie müssen aber auch nicht ständig „bei Fuß“ sein und ihr Leben danach ausrichten, ob sie gebraucht werden. Früher auf den Bauernhöfen sind die Alten ins Altenteil umgezogen und haben den Platz in der Hauptküche freigemacht. Sie konnten helfen, unterstützen und beraten, so gut es ging; aber sich nicht mit ihren Erwartungen und Vorstellungen einmischen. Dafür wurden sie selbst materiell und emotional versorgt.  

Die Klügeren geben nicht nach, sondern respektieren als gute Vorbilder die Grenzen. Das heißt aber nicht, dass sie nicht auch ein bisschen subversiv Ansprechpartner für im Vertrauen geäußerte Gefühle und Geheimnisse sein dürfen. Die Vielfalt macht’s.  

Es gibt typische Felder für Meinungsverschiedenheiten aus den verschiedenen Perspektiven:  

  • Ernährung ist ein beliebtes Thema, vor allem der Umgang mit Süßigkeiten, süßen Säften, der Wert von Biokost oder Fleischkonsum.
  • Fernsehen, Video gucken, abends länger aufbleiben.
  • Geschenke, zu viel Spielzeug, Fragen von Menge und Qualität.
  • Wichtige Bekleidung, wie Schuhe, Winterkleidung oder Kleidung für besondere Anlässe.
  • Wie die besonderen Feste gefeiert werden; ständig zusammen, oder auch mal als neue Familie für sich. 

Das Einfachste wäre, in all diesen Punkten als Großeltern einfach nicht eigenmächtig zu handeln, wenn keine Not besteht, sondern im Vorfeld Absprachen zu treffen. Insbesondere die Schwiegertöchter werden es mit Vertrauen und warmherzigen Familiengefühlen danken.  

Und noch ein kleiner Tipp, wenn noch kein Enkel auf dem Weg ist. - Pscht! Nicht erwarten, nicht fordern und nicht nerven. Sich in der heutigen Zeit für oder bewusst gegen Kinder zu entscheiden, ist schwer genug für die jungen Leute. Zu diesem Thema sollten ausnahmsweise mal die Älteren nur reden, wenn sie gefragt werden.


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